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Wie steht’s um die digitale Bildung in der Grundschule?

Viele Kolleg*innen fühlen sich angesichts der durch Corona vorangetriebenen Digitalisierung in der Grundschule unter Druck gesetzt, komplizierte Konzepte ohne Vorerfahrungen umsetzen zu müssen.

20.05.2021 - Michaela Schwegler

Fortbildungsangebote in der digitalen Bildung gibt es inzwischen viele, dennoch hakt es an der konkreten Umsetzung. Hier ein (subjektiver) Blick auf die aktuelle Situation.

Jahrzehntelang hatte die Digitalisierung in der Grundschule nur niedrige Priorität. Es gab wenig Geld, auf technische Ausstattung musste man Jahre warten. Folglich sahen viele Kolleg*innen keinen Sinn darin, sich intensiv fortzubilden und auch Schulämter und Kultusministerium machten wenig Druck. Unterricht mit grüner Tafel und Overheadprojektor (OHP) funktionierte seit Jahrzehnten gut, warum also sich auf eine ferne, unbestimmte Zukunft vorbereiten? Auch mit dem LehrplanPLUS und den damit verbundenen vielen neuen Unterrichtsideen hielten digitale Elemente keinen Einzug in die Klassenzimmer der Grundschule.

Mit Beginn der Pandemie traten die Versäumnisse der letzten Jahrzehnte ungeschönt ans Tageslicht. Viele Kolleg*innen fühlten und fühlen sich plötzlich immens unter Druck. Alles sollte von heute auf morgen digital umsetzt werden. Doch woher die grundlegenden Fähigkeiten und Fertigkeiten dafür nehmen?

Digitale Bildung im Grundschulalter

Häufig wird die digitale Bildung im Grundschulalter kritisch beäugt. Zu viel Bildschirmzeit, wenige echte soziale Interaktionen, veränderte Kindheit ­– nicht einmal mehr in der Schule sei man davor gefeit.

Schulische Bildung findet vor allem durch die soziale Interaktion zwischen Menschen statt – darüber besteht sowohl bei Digitalisierungsverfechter*innen als auch -kritiker*innen breiter Konsens! Digitale Medien sollen diese Interaktion auch keinesfalls ersetzen, sie können das auch gar nicht. Sie können diese Interaktion und den Ablauf der Lehr-Lern-Prozesse jedoch unterstützen und fördern – so wie andere Unterrichtsmethoden auch.

Wir sind inzwischen in der Grundschule täglich damit konfrontiert, in welchem Ausmaß die Kinder schon in jungen Jahren digitale Medien konsumieren – negative Begleiterscheinungen wie mangelnde Konzentrationsfähigkeit sind Alltag geworden. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass wir ein sehr großes Potenzial verschenken, wenn wir die digitalen Medien vollständig aus der Grundschule fernhalten. Die Schüler*innen bringen hier viele Vorkenntnisse mit, die wir als Lehrende nutzen können. Das stärkt nicht nur das Selbstbewusstsein und die Selbstwirksamkeit der Kinder, auch die Lehrkraft kann hier oft Neues lernen. Außerdem ist es im Rahmen des allgemeinen Bildungsauftrags der Grundschule immens wichtig, den Aufbau einer umfassenden, kritischen Medienkompetenz bereits in jungen Jahren anzuleiten. Wie heißt es im LehrplanPLUS so schön: Die Kinder sollen sachgerecht, selbstbestimmt und verantwortungsvoll in einer multimedial geprägten Gesellschaft handeln können. Dazu kommt auch noch der offensichtliche motivationale Faktor. Schule darf, soll und muss auch Freude machen, dann geschieht Lernen auch einmal von selbst!

Probleme mit digitalen Unterrichtskonzepten

Als IT-Beauftragte an meiner Grundschule machte ich schon vor der Pandemie folgende Erfahrung: Ausgefeilte digitale Projekte und Unterrichtseinheiten, die ich in Konferenzen oder kleinen internen Fortbildungen vorstellte, werden zwar bewundert, aber nur sehr wenige Kolleg*innen trauen sich zu, diese in ihrem eigenen Unterricht einzusetzen. Die Fortbildungen, die ich selbst besuchte, setzten deshalb an dieser Stelle an: Bildung mit digitalen Medien müsse auch in der Grundschule den hohen Standards eines guten Unterrichts genügen. Nur dann seien sie pädagogisch sinnvoll und für den Unterrichtseinsatz geeignet. Der Leitsatz „Pädagogik vor Technik“ wird hier gerne genannt. Dem möchte ich auch gar nicht widersprechen – im Gegenteil. Nach meiner Erfahrung wirkt er auf digitalunerfahrene und unsichere Kolleg*innen jedoch schnell abschreckend. Das Hochhängen dieses Leitsatzes führt dazu, dass neue digitale Ideen von Digitalprofis in relativ anspruchsvolle Unterrichtssequenzen eingebettet werden und dann von der Mehrheit der technikunerfahreneren Kolleg*innen kaum oder gar nicht umgesetzt werden. Die persönlichen Vorkenntnisse und Erfahrungen sind oft zu gering, die Berührungsängste viel zu groß.

Digitale Quiz-Tools als „Brücken-Tools“

Ich selbst nutzte verschiedene digitale Tools bereits lange vor der Pandemie in meinem Unterricht. Vor allem simple Quiz-Tools bieten genau für die oben geschilderte Problematik eine Lösung: Sie stellen einen relativ einfachen, direkt einsetzbaren Einstieg in die Welt des Unterrichtens mit digitalen Medien dar. Ein „Brücken-Tool“, wenn man so möchte. Medienpädagogisch ist ihr Einsatz umstritten, dennoch stellen sie – davon bin ich überzeugt – einen wichtigen Baustein dar.

Worin sich Digitalprofis wie Digitallai*innen in der Grundschuldidaktik einig sind: Lernen mit digitalen Medien muss einen Mehrwert haben, sonst können wir weiterhin bei grüner Tafel und OHP bleiben. Dennoch brauchen wir gerade für die vielen Kolleg*innen, die sich im Umgang mit digitalen Unterrichtselementen noch unsicher fühlen, einen „soften“ Einstieg. Und wenn der Mehrwert erst einmal „nur“ die Abwechslung in der Methode und die Motivation der Kinder ist, dann finde ich das vollkommen berechtigt. Nur so kann Bildung mit digitalen Medien in allen Grundschulklassen Einzug halten und es langfristig zu einer sinnvollen und kindgerechten Medienpädagogik kommen!

Voraussetzungen für den Einsatz im Unterricht

Bedenken beim Einsatz von digitalen Unterrichtselementen gibt es viele. Auch sie sind häufig berechtigt: „Ich habe doch gar nicht die technischen Möglichkeiten in meinem Klassenzimmer!“, „Dann baue ich das alles auf und dann klappt das nicht so, wie ich es mir gedacht habe“ u. v. m. Meine Antwort als IT-Beauftragte: „Ja, das kann alles passieren. Manches wird auch sicherlich passieren. Aber je häufiger man es macht, desto besser ist man auf alle möglichen Probleme vorbereitet.“

Als ich im letzten November mit meiner Grundschulklasse in Quarantäne war, arbeiteten wir das erste Mal mit einem neuen Kommunikations-Tool. Ich war sehr stolz, dass, entgegen allen mir entgegengebrachten Warnungen und Bedenken, alles gut funktionierte, und lobte die Kinder dafür. Daraufhin antwortete ein Schüler: „Frau Schwegler, weißt du was? Die sagen nur, dass das nicht klappt, weil sie selbst keine Ahnung und keine Lust haben, das alles zu lernen! Natürlich können wir das.“ Wahrscheinlich traf er genau den Kern des Problems.

Für mich ist die wichtigste Voraussetzung – neben der technischen Ausstattung – für den erfolgreichen Einsatz digitaler Elemente im Unterricht eine positive Grundhaltung gegenüber Digitalisierung und Lernen mit digitalen Medien. Sie werden nicht mehr verschwinden, sie sind dauerhafter Bestandteil unserer Lebenswelt. Diese positive Grundhaltung gilt jedoch, wie ich meine, für alle neuen Unterrichtskonzepte: Eine generelle Offenheit für Neues ist in einer sich ständig verändernden Bildungswelt unerlässlich!

Was gibt es noch zu tun?

Wenn die Pandemie und der Distanzunterricht einmal hinter uns liegen, gilt es die erworbenen digitalen Fähigkeiten auch in den normalen Präsenzunterricht zu übertragen. Dabei fehlt es vielerorts an Unterstützung: Die IT-Teams und Systembetreuer*innen sind unterbesetzt und erhalten ein zu geringes Stundenbudget. Der Lehrplan ist schon ohne das Fach „Bildung in einer digitalen Welt“ zu überladen, sodass Zeit für guten digitalen Unterricht in den Fächern oft fehlt. Viele Bedenken überlagern häufig die Motivation, etwas Neues zu versuchen. Auch die Lehrer*innenbildung legt den Fokus noch zu wenig auf Bildung mit digitalen Medien in allen Fachbereichen, um „digitalen Nachwuchs“ an die Schulen zu bringen.

Ein möglicher Lösungsansatz wäre die Ausbildung zahlreicher Multiplikator*innen für die Bildung mit digitalen Medien in der Grundschule. Damit meine ich nicht ein bis zwei Kolleg*innen pro Schulamtsbezirk, sondern eine*n Zuständige*n für zwei bis drei Schulen, mit einem ausreichenden Zeitbudget, um diese Rolle auch erfolgreich ausfüllen zu können. So können wir der Heterogenität sowohl in der technischen Ausstattung als auch in den Vorkenntnissen der Kolleg*innen kompetent begegnen und Schritt für Schritt zu einer echten, pädagogisch sinnvollen Bildungmit digitalen Medien kommen, die den Namen verdient.

Voller Optimismus sage ich: Packen wir’s an!

von Michaela Schwegler

Grundschullehrerin
Systembetreuerin und IT-Beauftragte