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Frühe Medienerziehung in der Kita

Weil Kinder heute in ihrem Alltag schon frühzeitig mit Medien konfrontiert sind, müssen medienpädagogische Konzepte auch die Kleinsten in den Blick nehmen.

20.05.2021 - Günther Anfang

In einem Modellprojekt des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP) wurden Konzepte medienpädagogischer Arbeit in und mit Kitas entwickelt.

Kinder wachsen von Geburt an mit Medien auf. Das ist inzwischen eine Binsenweisheit, mit der fast jeder Artikel zur frühen Medienerziehung eröffnet wird.[i] Bereits in den ersten beiden Lebensjahren werden Kinder auf Medien und Medieninhalte aufmerksam. Sie sind neugierig, wenn sie Bilder auf dem digitalen Fotoapparat oder Smartphone sehen, lustige Clips am Computer entdecken oder der Fernseher im Wohnzimmer flimmert.

Medienzugang in der frühen Kindheit

Gerade die neuen, intuitiv zu bedienenden Medien haben dazu beigetragen, dass Kinder diese schon frühzeitig auch nutzen wollen. Da Bewegungsabläufe bzw. Gesten wie horizontales und vertikales Wischen, die im Alter von acht bis 13 Monaten erlernt werden, auch die Grundlage für die Bedienung von Smartphones und Tablets bilden, kann die Bedienung von Touchscreens als intuitiv erlernbar angesehen werden.[ii] Interessant in diesem Zusammenhang sind die Studien von Georg Peez, der „Strukturmerkmale des Schmierens von Kleinkindern mit pastösem Material identifiziert, die auffällig mit den Grundbewegungen zur Bedienung von Touchscreens korrespondieren.“[iii] Der Schmierphase schließt sich schließlich die Kritzelphase an, „in der Kinder lernen, Werkzeuge wie Stifte oder Kreide zu verwenden“.[iv] Somit sind spätestens mit zwei Jahren die Grundlagen der zur Bedienung von Apps notwendigen Bewegungen gegeben. Eltern helfen hier gerne nach und sind meist sehr stolz darauf, wie fit ihre Kinder bereits im frühen Alter im Umgang mit digitalen Medien sind.

Kinder als Zielgruppe des Medienmarkts

Weil Smartphones, Tablets und andere digitale Medien aus dem Alltag von Kleinkindern nicht mehr wegzudenken sind, widmet sich der Medienmarkt auch dieser Zielgruppe. So werden Edutainment-Programme für Kinder ab zwei Jahren angeboten, die ein erstes Klicken bzw. Wischen mit Spiel und Spaß verbinden. Auch der Markt für Smartphone-Apps hat sich in den letzten Jahren enorm entwickelt. Angefangen von unterhaltsamen Spielen mit Tierlauten oder Bilderrätseln bis hin zu animierten Kinderbuchklassikern gibt es zahllose Beispiele für Unterhaltungssoftware für Kleinkinder.[v] 

Medienerziehung von Anfang an

Diese Entwicklung der frühen Mediennutzung und die damit einhergehende Verunsicherung mancher Eltern und Pädagog*innen führte aufseiten der Medienpädagogik zur Überlegung, ob eine Medienerziehung für diese Zielgruppen sinnvoll und angebracht ist. Die Idee einer Medienerziehung in der Krippe war somit geboren. Was vor einigen Jahren noch als undenkbar angesehen wurde, nahm plötzlich Gestalt an und fand sogar Eingang in die Erziehungs- und Bildungspläne der Bundesländer.[vi] Im Mittelpunkt der Überlegungen steht dabei immer die Frage, was können Kinder in diesem Alter und wo kann Medienerziehung ansetzen, die Kinder in ihren Kompetenzen fördert und spielerisch eine Auseinandersetzung mit Medien ermöglicht. Zwar gibt es in der Krippe dazu bisher wenig Erfahrung, doch die Bereitschaft, hier aktiv zu werden, ist bei einem Teil der Erziehenden durchaus vorhanden. Die überwiegende Mehrheit hat aber nach wie vor große Skepsis den Medien gegenüber. Somit bedarf es der Überzeugungsarbeit und eines schlüssigen Konzepts, wenn man in der Krippe ein Medienprojekt durchführen will.

Medienkompetenz in der Frühpädagogik stärken

Auf der Grundlage dieser Erkenntnisse startete deshalb auch das Staatsinstitut für Frühpädagogik gemeinsam mit dem „JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis“ im Jahr 2018 den Modellversuch „Medienkompetenz in der Frühpädagogik stärken“[vii], der Ende 2020 abgeschlossen wurde. In 100 bayerischen Kitas wurden gemeinsam mit sogenannten Mediencoaches Modelle der medienpädagogischen Arbeit in der Kita entwickelt. Ziel war es, gemeinsam mit den Modellkitas tragfähige Konzepte und praxisnahe Materialien für digital gestützte Bildungs- und Arbeitsprozesse in Kindertageseinrichtungen ergebnisoffen und wissenschaftlich begleitet zu entwickeln, zu erproben und diese anschließend in nachhaltiger Weise in die Fläche zu bringen. Der Modellversuch wurde trotz Corona hervorragend abgeschlossen und es zeigte sich, dass gerade in solchen Krisenzeiten die Digitalisierung dazu beitragen kann, dass Kitas ihre Kinder und zugehörigen Eltern auch weiterhin erreichen können. Aber nicht nur das. Auch die Medienerziehung in der Kita profitierte vom Modellversuch. Zahlreiche beispielhafte medienpädagogische Modellprojekte wurden durchgeführt, angefangen von Foto- und Hörsafaris in der Krippe über Trickfilm- und Audioprojekte im Kindergarten bis hin zu Spielfilmproduktionen und digitalen Schnitzeljagden im Hort. Alle Praxisbeispiele werden derzeit gesammelt. Sie sollen demnächst auf der Seite des IFP zum Abruf zur Verfügung gestellt werden. Eine wichtige Erkenntnis des Modellversuchs ist es, dass der Medieneinsatz in der Kita niederschwellig und alltagsorientiert sein muss. Dies bedeutet, dass die Erzieher*innen Schritt für Schritt in die medienpädagogische Arbeit eingeführt und auch begleitet werden müssen. Nur so kann es gelingen, dass Ängste und Vorurteile abgebaut werden und Medien zum gewinnbringenden Werkzeug in der Frühpädagogik werden.

Medien verstehen lernen

Zweifelsohne werden Medien im Aufwachsen von Kindern immer wichtiger und ein medienfreier Raum entspricht nicht mehr dem Bildungsauftrag der Kita. Dies bedeutet nicht, dass Medien den Alltag in der Kita dominieren sollen, und schon gar nicht, analoge Erfahrungen durch digitale zu ersetzen. Vielmehr geht es darum, dass Kinder die digitale Welt in einem geschützten und pädagogisch begleiteten Raum kennenlernen können. Dass sie dabei unterstützt werden, diese Welt zu verstehen, sie zu durchschauen, sich in ihr zurechtzufinden und deren Chancen für sich zu nutzen. Dabei erfahren sie auch, wie sie das kreative Potenzial digitaler Medien nutzen können, um zusammen mit anderen Kindern eigene Medienprodukte wie Fotogeschichten, Bilderbücher, Hörspiele und Filme herzustellen und dabei eigene Ideen zu verwirklichen. Sie erleben aber auch, wie analoge und digitale Bildungs- und Kreativitätsangebote miteinander verbunden werden können, zum Beispiel bei Musik oder Büchern. Und schließlich können Chancen und Risiken der digitalen Welt und der digitalen Mediennutzung gemeinsam besprochen werden, um eine reflektierte Haltung dazu zu entwickeln. Schulkinder erhalten darüber hinaus Einblick in Themen wie Recht am eigenen Bild, Urheberrecht, Passwörter und Netiquette.

Dies alles sind erste wichtige Schritte einer zukünftigen „Kita digital“, die nicht an der Lebenswelt der Kinder vorbeigeht. Die ersten Hürden dazu sind im Rahmen des Modellversuchs „Medienkompetenz in der Frühpädagogik stärken“ genommen, nun geht es darum, das Modell in den Alltag zu überführen. Die Planungen dazu laufen, eine Ausschreibung zur Verstetigung wird gerade vorbereitet.

von Günther Anfang

Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis

 


[i] Vgl. dazu Theunert, H. (Hg.) (2007): Medienkinder von Geburt an. Medienaneignung in den ersten sechs Lebensjahren. München. kopaed

[ii] Vgl. Michaelis, S.: Welchen Einfluss haben Mobile Apps auf die frühkindliche Eltern-Kind-Beziehung? In: merz wissenschaft 6/2015, S. 25 ff.

[iii] Ebenda, S. 29

[iv] Ebenda, S. 30

[v] Eine Übersicht und Bewertung von Apps für Kindergartenkinder gibt die Seite des Deutschen Jugendinstituts: Datenbank Apps für Kinder;dji.de (zuletzt: 25.2.2021)

[vi] Vgl. Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen und Staatsinstitut für Frühpädagogik München: Der Bayerische Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder in Tageseinrichtungen bis zur Einschulung. S. 218 ff.; vgl. ifp.bayern.de (zuletzt: 25.2.2021)

[vii] kita-digital-bayern.de