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Kita

Personalmangel in der Kita beeinträchtigt den Arbeitsalltag erheblich

Mehrere Brandbriefe des Städtetags, von Gewerkschaften, Verbänden und einzelnen Personen aus der Kitapraxis reichen immer noch nicht aus, um der Staatsregierung begreiflich zu machen, dass der Kindergartenalltag von Tag zu Tag kräftezehrender wird.

Die versprochenen Entlastungen kommen seit Jahren nicht in der Praxis an. Was also noch tun, um den Personalnotstand in den Kitas und seine Folgen deutlich zu machen, und welche Probleme löst der Personalmangel in der Kita aus?

Ein Kindergartenalltag fängt meist morgens um sieben Uhr an und geht in der Regel bis 17 Uhr, variierend je nach Einrichtung und Landkreis. In diesen neun bis zehn Stunden Bildungs- und Betreuungsalltag finden zahlreiche Angebote statt, die die Kinder auf ihrem weiteren Lebensweg benötigen. Die Alltagsangebote gehen von Schuhe schnüren, Zähne putzen und Hände waschen über den ersten Zahlenraum entdecken bis hin zu Emotionen benennen und aushalten können und vieles mehr. Das alles gilt für Kinder von null Jahren bis hin zu ihrer Einschulung.

Der Wahnsinn beginnt schon morgens

Probleme gibt es bereits zur Bringzeit: Man sitzt allein im Gruppenraum mit zehn Kindern, als zwei Eltern gleichzeitig mit ihren Kindern zur Tür hereinkommen. Eine Mutter möchte gerne noch etwas vom Wochenende berichten, das andere Kind weint auf dem Arm des Vaters. Eines der anderen Kinder versucht gerade auf einen Schrank zu klettern, zwei weitere streiten sich. Eine Situation, wie sie im Kindergartenalltag nur zu häufig vorkommt. Diese und ähnliche können negativen Stress auslösen mit Folgen für die psychische und die körperliche Gesundheit. Zu zweit oder dritt ist diese Situation besser zu bewältigen. Ein*e Kolleg*in passt auf die Kinder in der Gruppe auf, ein*e andere*r versucht das Kind auf dem Arm des Vaters zu beruhigen und der*die dritte Kolleg*in hört der Mutter zu. Ein Kitaalltag ist jeden Tag anders und daher auch sehr abwechslungsreich und vielseitig. Das ist das Wunderbare an diesem Beruf, aber auch das Energieraubende.

Dass die Arbeit viel Flexibilität erfordert, sollen weitere Praxisbeispiele zeigen. Kinder gehen zum Beispiel zum Essen ins Bistro, vorher steht noch das Händewaschen an, gleichzeitig nässt sich ein Kind ein und muss umgezogen werden. In einem solchen Alltag braucht man mehr als nur zwei Hände und Augen. Bei alldem gilt es, Aufsichtspflicht, Infektionsschutz und Kindeswohl zu beachten, mit allen rechtlichen Grauzonen. Dürfen wir bei einem Kind den Nagel abschneiden, wenn er absteht, oder nicht? Darf das Kind die von der Mutter mitgegebene Nuss trotz Allergie essen oder nicht? Wie lange kann man die Gruppe allein lassen, wenn man selbst die Toilette aufsuchen muss und sonst niemand da ist? Welches Kind kann abgeholt werden, wenn es krank ist, und wie sieht es mit den Masernimpfungen bei dem Kind aus?

Personal halten und neue Fachkräfte gewinnen

Umso erschreckender ist es, dass mehr und mehr Berufseinsteiger*innen den Beruf wieder verlassen oder die Ausbildung abbrechen. Genauso dramatisch ist, dass jahrelang tätige Erzieher*innen das Handtuch werfen und ein anderes Berufsfeld aufsuchen und damit aus dem Kindergartenalltag verschwinden. Zu hoch sind die Anforderungen an Seele und Geist, die Ansprüche von Eltern und Politik, die Vorgaben der Behörden und die Belastung durch die Bürokratie geworden. Gleichzeitig werden die Pädagog*innen schlecht bezahlt und sind gesellschaftlich zu wenig angesehen.

 

 

 

Wir kommen in eine Abwärtsspirale, wenn wir es nicht schaffen, dass die Erzieher*innen im Beruf bleiben und neue Kräfte dazugewonnen werden. Wenn die Erzieher*innen vor Ort durch zu hohe Anstellungsschlüssel und Personalmangel nicht mehr dazu kommen zu beobachten, ihre Gruppenräume in Ordnung zu halten, den Informationsfluss zwischen Eltern, Kindern, Kolleg*innen und Behörden aufrechtzuerhalten, wenn Ausflüge und Bildungsangebote ausfallen müssen, weil Begleitpersonen fehlen, wird der Kindergarten zu einer reinen Betreuungs- und Bewahranstalt. Dann erscheint jungen Menschen die jahrelange Ausbildung zur*zum staatlich anerkannte*n Erzieher*in nicht mehr lohnend. Viele junge Menschen, die nach ihrer dualen oder theoretischen Ausbildung mit Begeisterung in die Praxis einsteigen und dort ihr Wissen einbringen wollen, werden schnell ernüchtert. Zu weit klaffen die in der Ausbildung erworbene Theorie und die Praxis auseinander. Die Fachkraft-Kind-Relationen machen Bildungsangebote unmöglich.

Aktuelle Lösungsansätze führen in die falsche Richtung

Die Qualifikation der Fachkräfte vor Ort herunterzuschrauben, wird auch die Qualität in den Einrichtungen verschlechtern. Den Erwerb von Deutschkenntnissen in Einrichtungen außen vor zu lassen und dafür eigene Einstiegsgruppen zu bilden, wird dem Inklusionsgedanken nicht gerecht. Darüber hinaus wird die Anzahl der Kinder in Mini-Kitas angehoben, statt zwölf können dort nun 15 Kinder betreut werden. Auch das modulare Weiterbildungskonzept ist aktuell nicht durchdacht. Es senkt die Qualität der Ausbildung erheblich ab. Zudem ist noch nicht geklärt, wer welches Qualifikationsniveau erreichen wird, und durch neue „Fachkraftbezeichnungen“ wird das System noch undurchsichtiger. Dass ein schnell zu durchlaufendes Modul mit einer zweijährigen Kinderpflegeausbildung faktisch gleichgesetzt wird, indem die Bezahlung fast identisch ist, wertet den Berufsstand der Kinderpfleger*innen ab und sorgt für Zündstoff unter den Beschäftigten. Leider wurden bei der Ausarbeitung des Konzeptes die Fachakademien für Sozialpädagogik nicht einbezogen und somit blieb viel Wissen und Kompetenz ungenutzt.

Massive Abwanderung der Beschäftigten stoppen

Um die massive Abwanderung aus dem Berufsfeld zu stoppen, bedarf es einschneidender Schritte. Das Personal sollte aktuell für gute Anstellungsschlüssel und gute Bildungsarbeit gebündelt werden und nicht für die Absicherung des Rechtsanspruches der Eltern auf einen Kitaplatz.

  • Der Rechtsanspruch der Eltern muss ausgesetzt oder rückgängig gemacht werden. Der Rechtsanspruch auf einen baldigen Ganztagesplatz wird die Lage nur noch weiter verschärfen, denn hier wandern Beschäftigte aus dem Kindergarten in den Ganztag ab.
  • Das Gehalt des Berufsstandes muss der Leistung entsprechend angepasst werden: Staatlich anerkannte Erzieher*innen müssen an das Gehalt der Grundschullehrer*innen angeglichen und Kinderpfleger*innen dementsprechend höhergruppiert werden.
  • Die Bürokratie muss abgebaut und Stellen wie Hygiene- und Sicherheitsbeauftragte, Brandschutzbeauftragte, Hautschutz- und Präventionsbeauftragte müssen auf andere Behörden übertragen werden.
  • Es müssen fest verankerte Verfügungszeiten eingeführt werden, damit das pädagogische Personal Zeit für Vor- und Nachbereitungen erhält.
  • Der Anstellungsschlüssel muss deutlich auf 1:7 bzw. 1:8 gesenkt werden, um Bildungsarbeit zu ermöglichen und gleichzeitig die Beschäftigten zu entlasten. Der Anstellungsschlüssel muss endlich die Fehlzeiten des Personals durch Urlaub, Krankheit, Fortbildung etc. berücksichtigen.
  • Multiprofessionelle Teams, zusammengesetzt aus Reinigungskraft, Hauswirtschafter*in, Bürofachkraft, Hausmeister*in etc., können die pädagogischen Fachkräfte entlasten. Sie müssen gefördert werden und refinanzierbar sein.
  • Die Ausbildungsvergütung für Kinderpfleger*innen muss kommen, die für Erzieher*innen muss steigen, beides jedoch nicht zulasten der Träger.

Respekt allen Kolleginnen und Kollegen

Der Beruf der pädagogischen Fachkraft wird von Menschen ausgeübt, die jeden Tag an ihre Grenzen und darüber hinaus gehen. Sie verdienen größten Respekt und die größtmögliche Anerkennung – auch finanziell. Ohne ihr Engagement und das der anderen im sozialen Bereich Tätigen gäbe es gesellschaftliche Verwerfungen und Einbrüche.

Daher muss es das Ziel sein, diesen Arbeitsbereich zu schützen und aufzuwerten – und das sofort! Gewerkschaftsbeitritte der im sozialen Bereich Tätigen sind unausweichlich, damit die Arbeit eine größere Lobby bekommt und Gehör findet.

von Michael Schindler

Kindergartenleiter

Sprecher der Fachgruppe Sozialpädagogische Berufe in Unterfranken

(Text aus DDS 11/2022: Kitas vor dem Kollaps)