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Was heißt denn hier »nicht ausbildungsreif«?

DDS-Gesprächsrunde mit der Sozialpädagogin Barbara Fraaß, Nürnberg, der Hauptschullehrerin und -leiterin Angela Ilmberger, München, dem Sonderschullehrer Ulrich Genghammer, Traunreut, und dem Berufsschullehrer an einer BVJ-Schule in München, Erwin Saint-Paul

06.06.2007

Gele Neubäcker:  Stimmt es denn, dass viele Schulabgänger und Schulabgängerinnen nicht »ausbildungsreif« sind? Sie können angeblich weder lesen, schreiben, rechnen noch können sie sich benehmen. Ist das auch Eure Erfahrung?

Erwin Saint Paul:  Bei uns ist es sicher so, dass viele Schüler mit dem Schreiben, mit der Rechtschreibung und dem Kopfrechnen Probleme haben. Aber wenn sie beim Rechnen Hilfsmittel wie Taschenrechner oder Handys benutzen dürfen, können sie durchaus rechnen. Aus meiner Erfahrung, als ich an gewerblichen Berufsschulen unterrichtete, weiß ich, dass auch Leute, die nicht richtig schreiben können, eine Lehre erfolgreich abschließen können.

Ulrich Genghammer:  Bei uns kommen ja die »ganz Schwachen« an. Ich habe nicht den Eindruck, dass die Schülerinnen und Schüler recht viel schlechter sind als vor 20 Jahren. Bei der ganzen Diskussion sollte man den Blick auch auf die andere Seite hin richten, weg von den Jugendlichen, auf Ausbildungsbetriebe und Arbeitsmarkt.

Barbara Fraaß:  Ich teile nicht dieses Pauschalurteil, dass sie nicht »ausbildungsreif« oder »-fähig« sind, sondern ich sehe eher das Problem, dass viele  Jugendliche andere Kompetenzen haben, die ihnen teilweise selbst nicht bewusst sind. Diese Kompetenzen wie Überleben in einer fremden Kultur, andere Sozialkompetenzen, Medienkompetenzen etc. werden jedoch nicht abgefragt. Dagegen fallen bestimmte Lücken in anderen Kompetenzen, z. B. »Kritikfähigkeit», Rechtschreiben, Höflichkeit etc., auf, werden meiner Meinung nach aber hochgespielt und Jugendliche dann oft ungerecht pauschal »verurteilt«

Angela Ilmberger:  Wir haben immer Schüler gehabt, die große Probleme mit Lesen, Schreiben und Rechnen hatten. Aber wer jetzt bei uns in Deutsch, Mathe, Englisch einen Schnitt von 2,66 erreicht, also einen Zweier und zwei Dreier hat, wird nicht mehr aus einer regulären neunten Klasse der Hauptschule entlassen, sondern macht selbstverständlich den Mittlere-Reife-Zug. Und weil die Leistungsstärkeren »abgezogen« werden, ist natürlich bei Hauptschülern, die aus einer normalen Hauptschule entlassen werden, der Leistungsstand heute im Schnitt ein anderer als noch vor 20 Jahren.

Wolfram Witte:  Der Begriff  «Ausbildungsreife« zentriert ja den Blick allein auf die Jugendlichen und stigmatisiert sie durch den Verweis auf mögliche Defizite. Arbeitswelt bzw. -bedingungen sowie die gesellschaftlichen Veränderungen nimmt er nicht in den Blick.

Ein Definitionsproblem?

Gele Neubäcker:  Arbeitgeber reklamieren ja ganz pauschal Grundkenntnisse und einfache soziale Kompetenzen. Sie berufen sich auf PISA und erklären 20 % der Schüler und Schülerinnen zur Risikogruppe hinsichtlich ihrer »Arbeitsmarkttauglichkeit«. Der Begriff »Ausbildungsfähigkeit« ist aber nirgends definiert: Die Wirtschaft konnte sich bislang auch nicht auf Mindestbasiskompetenzen einigen, geschweige denn diese so operationalisieren, dass sie überprüfbar? sind. Ist es überhaupt möglich, von einer Allgemeinbildung, die die Schule vermitteln kann, Schlüsse zu ziehen, dass ein Jugendlicher/eine Jugendliche damit fähig ist, einen Beruf zu erlernen?

Angela Ilmberger:  Mir gefällt der Begriff »Ausbildungstauglichkeit« ganz gut. Der ist gut für mich verwendbar, weil ich auch sagen kann, wie kräftig soll ein Schüler, der entlassen wird, denn sein, damit er das auch übersteht. Ihm soll’s ja gut gehen in seinem Berufs- und Arbeitsleben. Wenn ich jetzt manchmal mit ehemaligen Schülern spreche, fällt mir immer wieder auf,

dass die jedesmal sagen, das und das war besonders belastend für sie. Und es war meistens nicht das Lesen, Schreiben, Rechnen, wo sie alle noch dazulernen mussten. Sie mussten sich in der Berufsschule, wenn sie eine Ausbildung machten, gegenüber den Realschülern in ihrer Klasse durchsetzen, sie mussten da zulegen. Das können sie, wenn sie einen Ausbildungsplatz haben, also etwas, was sie aufbaut, was ein Erfolg ist. Tauglichkeit heißt doch erst einmal, dass sie den Mut haben, sich überhaupt den ganzen Anforderungen zu stellen und als Persönlichkeit dazustehen, die aushält, was auf sie zukommt.

Ulrich Genghammer:  Wenn das Anspruchsniveau steigt, sind automatisch nicht mehr so viele Jugendliche »ausbildungsfähig«. Ich sehe das im Schreinerbereich. Vor 20 Jahren war das Niveau bei weitem nicht so hoch. Der Schreinerverband verlangt mittlerweile einen kundenorientierten Schreiner, der ein Fachgespräch führen kann, der Präsentationstechniken kennt. Folge ist, dass vermutlich Schreinerausbildung in ein paar Jahren in erster Linie Leute mit mittlerer Reife machen werden und keine Hauptschüler mehr.

Ein Verdrängungsproblem?

Erwin Saint Paul:  Es ist allgemein festzustellen, dass Hauptschüler durch Realschüler verdrängt werden, Realschüler durch Abiturienten. Gleichzeitig steigt die Zahl der Ausbildungsabbrüche permanent. Jeder Fünfte bricht die Ausbildung vorzeitig ab. Aber es ist nicht so, dass Hauptschulabsolventen besonders hohe Abbruchquoten haben und Abiturienten besonders niedrige. Die Abbrüche sind unabhängig von der Schullaufbahn. Die Ursachen sind eher in den Betrieben zu finden. So sind in Industriebetrieben und im öffentlichen Dienst die Abbruchquoten erheblich niedriger als in freien Berufen  oder in der Gastronomie. Aber was jetzt diese »Ausbildungsfähigkeit« ausmacht, kann man gar nicht genau definieren.

Barbara Fraaß:  Ich möchte auf die Lebenssituation der jungen Leute etwa zwischen 15 und 20 Jahren hinweisen. Sie stehen vor vielen und schwierigen Herausforderungen beim Übergang von der Jugendphase zum Erwachsensein. Brüche, Krisen und Neuorientierungen stehen auf der Tagesordnung. Der Ausbildungsbereich wird m. E. überbetont, lebenspraktische und (inter)kulturelle Kompetenzen sind keine Kriterien, die in die Bewertung der »Ausbildungsfähigkeit« einfließen.

Ulrich Genghammer:  Deswegen habe ich gemeint, man muss den Blick auch auf die andere Seite richten. Da geht man jetzt dazu über, weniger anspruchsvolle Ausbildungen zu machen. Und ich denke, es wird auch kein Weg an solch gesplitteten Bereichen vorbeiführen.

Erwin Saint Paul:  Das denke ich überhaupt nicht. Wir können nicht sagen, es gibt Leute, die bestimmte Tätigkeiten nicht lernen können. Manche brauchen eben nur länger. Wir haben ein anderes Problem. Von den Jugendlichen wird erwartet, aus ca. 340 Ausbildungsberufen, die sie sich gar nicht vorstellen können, einen Ausbildungsberuf zu wählen. Da Ausbildungsplätze Mangelware sind,  nehmen sie halt das, was sie kriegen können. Das führt häufig zum Problem, dass sie die Ausbildung abbrechen, vielleicht die Ausbildung in einem anderen Betrieb fortsetzen oder komplett den Beruf wechseln.

Ulrich Genghammer:  Ich bin überzeugt, dass viele einfach überfordert sind. In meinem Bereich – der Schreinerausbildung – muss ein Azubi Winkelfunktionen rechnen, mit dem Computer zeichnen können und elektrotechnische Berechnungen  beherrschen. Das kann ein Sonderschüler nicht erreichen. Deswegen werte ich den nicht ab. Ich sage nur, Fakt ist, dass die Ansprüche teilweise so hoch geworden sind, dass ich einen schwachen Schüler da auch mit bester Förderung nicht mehr hinbringe. Aber ich muss ihm eine berufliche Perspektive geben. An der Umorganisation ganzer Berufe zu hoch qualifizierten Facharbeitern und Facharbeitern zweiter Stufe führt kein Weg vorbei. Auch wenn man das als Gewerkschaftler gar nicht gerne sieht, weil es auch im Lohn vermutlich dann irgendwann eine Differenzierung gibt.

Ein Leistungsproblem?

Gele Neubäcker:  Ihr seid übereinstimmend der Meinung, die Leistungsanforderungen in der Ausbildung, sind gestiegen. HauptschullehrerInnen sind der Meinung, die Ansprüche, die die Hauptschule stellen kann, sind gesunken. Da geht die Schere offensichtlich auseinander?

Angela Ilmberger:  Ich bin dagegen, das mit einem Satz zu sagen. Wir haben Schüler, die sind leistungsfähig wie die vor 20 Jahren auch. Die sind hervorragend. Ich habe Schüler, die müssten nicht an der Hauptschule sein. Aber sie sind es lieber, weil ihnen der Rahmen der Hauptschule persönlich besser bekommt und weil sie sich dort wohler fühlen. Und weil sie, das muss ich in diesen Fällen wirklich sagen, Eltern haben, die vernünftig sind und sagen, mein Kind soll in einem Rahmen lernen, wo es sich wohlfühlt und wo es dann aufbauen kann. Ich kann deshalb nicht generell sagen, dass die Anforderungen an der Hauptschule gesunken sind. Aber es gibt auch Jugendliche, die auch mit einem Quali von 2,0 oder mit hervorragenden Mathenoten enorme Schwierigkeiten haben, einen Ausbildungsplatz zu finden.

Barbara Fraaß:  Wir beraten in Nürnberg seit letztem Jahr alle 2200 Neuntklässler-Hauptschüler einzeln unter der Fragestellung »Was passiert mit dir, was kann mit dir passieren nach dem Abgang von der neunten Klasse?«. Neben organisatorischer Hilfe sehen wir unsere Aufgabe darin, ihnen zu sagen: »Es gibt Chancen, du kannst eigenverantwortlich verschiedene Chancen wahrnehmen.«. Die beste Voraussetzung ist gegeben, wenn der Schüler noch eine Perspektive hat, ein Ziel, wenn er sich noch nicht aufgegeben hat. Es ist mein größter Kampf, dieses Sichaufgeben oder Aufgegebenwerden vom Schulsystem, vom Lehrer, von den Eltern zu durchbrechen und zu sagen, es gibt Chancen, du darfst nicht stehen bleiben, nicht zurück gehen, denn es gibt verschiedene Wege, auch Umwege, um auf höhere Zielsetzungen der Arbeits- oder Berufswelt hinzukommen. Und ich zeige auch verschiedene Wege, und zwar Plan A, Plan B, Plan C, d. h. also auch Korrekturen von Zielsetzungen. Denn mit Vierern und Fünfern Arzthelferin zu werden, geht nicht auf dem direkten Weg, wohl aber manchmal auf Umwegen.

Erwin Saint Paul:  Das beobachte ich bei uns an der Schule zur Berufsvorbereitung auch. Unsere Jugendlichen haben keinen Ausbildungsplatz bekommen und es ist erstaunlich, wie viele davon ganz offen sagen: »Ich habe mich nicht beworben, weil ich nur Vieren und Fünfen habe. Ich habe sowieso keine Chance.« Und dann staune ich, wie viele von denen, die angeblich keine Chance gehabt haben, im Laufe der Zeit an andere Berufsschulen wechseln, weil sie eine Berufsausbildung machen.

Angela Ilmberger:  Es gibt Schüler, die wirklich die Bewerbung verweigern, eine pure Angstreaktion. Solche Schüler bekommen von zuhause meist keinerlei Unterstützung. Es heißt nur »mach’ mal« und dann geht halt nichts. Und wenn wir dann Termine bei der Schulsozialarbeiterin oder mit dem Berufsberater organisieren und wir nehmen sie nicht direkt an die Hand, dann gehen die wieder nicht hin. Ihre Hilflosigkeit ist manchmal unglaublich.

Ein Bewerbungsproblem?

Erwin Saint Paul:  Wir haben vielleicht noch ein weiteres Problem. Für verschiedene Berufe bedarf es unterschiedlicher Bewerbungsformen. Ein Hauptschüler mit schlechtem Zeugnis wird auf schriftliche Bewerbungen Absagen erhalten. Wenn er sich aber telefonisch bewirbt, persönlich vorstellt, hat er durchaus reale Chancen. Diese unterschiedlichen Bewerbungsverfahren zu vermitteln ist, denke ich, Aufgabe von uns LehrerInnen.

Angela Ilmberger:  Bei uns begleitet der Job-Mentor die Schüler zum Vorstellungsgespräch, wenn sie sich sonst nicht hin trauen. Wenn ein Schüler Fähigkeiten hat, die gut zu gebrauchen wären und womit er gut ankommen würde, etwas in seiner Persönlichkeit ihn aber hindert, sich »besser zu verkaufen«, bringen wir ihn jetzt dazu, dass er in dieser Phase aus sich herausgeht und sich zeigt. Ich mache aber andererseits auch oft die Erfahrung, dass es wichtig ist, diese Jugendlichen auch mal auf sich gestellt zu lassen. Es ist immer eine Gratwanderung. Wo fordere ich sie wirklich auf, wo mute ich ihnen auch etwas zu, was nur aus ihnen herauskommen kann, und wo gebe ich ihnen Hilfestellung. Das ist ein ganz schwieriges Thema bei unseren Schülern.

Erwin Saint Paul:  Wenn mehr Eltern die Möglichkeit hätten, ihre Kinder bei der Stellensuche zu begleiten, bestehende Kontakte und Strukturen zu nutzen, dann hätten diese gleich viel bessere Chancen.

Gele Neubäcker:  Da sind wir beim  Problem der gespaltenen Gesellschaft. Die ökonomisch und kulturell begüterte Gruppe ist in der Lage, ihre Kinder zu unterstützen, zu fördern und sie auf dem Arbeitsmarkt »unterzubringen«. Die »Loser« gehören zu den ökonomisch und kulturell Verarmten. Sie haben weniger Lernchancen, weniger Unterstützung, wenn nicht die Schule sich extra organisiert und engagiert, z. B. beim Gestalten einer Bewerbungsmappe, beim Vorbereiten eines Vorstellungsgesprächs usw. Das Know-how dieser Jugendlichen reicht nicht aus, um sich erfolgreich zu bewerben, erfolgreich ihre Kompetenzen zu präsentieren, die mitunter ganz sicher da sind, auch wenn sie nicht im Schulzeugnis zum Ausdruck kommen.

Ein Mangelproblem?

Ulrich Genghammer:  Diese Analyse ist sicher richtig. Aber ein Aspekt fehlt: Es herrscht eine Mangelsituation. Wenn die Zahl der Ausbildungsplätze größer ist, kommen auch Jugendliche mit weniger Chancen leichter unter. Ausbildungsplatzmangel ist  neben den gestiegenen Anforderungen der zweite Grund, der durchschlägt, und nicht die Schuld der Jugendlichen.

Barbara Fraaß:  Das ist ganz wichtig. In Nürnberg haben
letztes Jahr 9,8 % der Hauptschüler, das waren 276, eine Lehrstelle gefunden. Nicht einmal 10 %. Wir haben also 90 % Altbewerber produziert. Davon waren gut 1.000 »ausbildungsreif«,
haben sich bemüht, einen guten Quali gemacht, waren motiviert, haben sieben, acht, zehn Praktika gemacht, haben auch gelernt zu reflektieren, zu sagen: »Warum will ich den Beruf machen?« Sie haben das in ihre Bewerbung gut eingewoben  und Fähigkeiten, Interessen gut beschrieben. Alles hat nichts geholfen. Das Verhältnis von Angebot und Nachfrage ist weiterhin in Schieflage. Dazu kommt noch, dass in Nürnberg seit ca. 10 Jahren die Großbetriebe, z. B. Siemens und jetzt auch die Handwerksbetriebe, Schüler mit städtischer Adresse aussortieren. Man holt sie lieber vom Umland, weil die in Vereinen sind, in einem familiären Heile-Welt-Kontext, in der Feuerwehr, im Sportverein, in der Kirche.

Gele Neubäcker:  Wo sind diese SchülerInnen jetzt?

Barbara Fraaß:  Sie sind in irgendwelchen Maßnahmen geparkt. Am Nürnberger Arbeitsamt spricht man von 274 Nichtvermittelten. Die anderen von 3.500 oder 4.000, das Sozialreferat spricht von 5.000.

Ein Strukturproblem?

Ulrich Genghammer:  Die Situation macht es notwendig, dass andere Bildungsträger so eine Ausbildung übernehmen, wenn sich das duale System verabschiedet. Wir bilden ja Fachwerker aus, da ist kein einziger mehr im dualen System, die sind alle in überbetrieblichen Ausbildungsstätten, die kommen sonst überhaupt nicht mehr unter. Selbst bei uns im Landkreis Traunstein,  einem mit den besten Statistiken, hat ein schwacher Schüler in einem normalen Betrieb keine Chance.

Angela Ilmberger:  Angesichts dessen hätte ich schon ganz gern, dass der Staat Verantwortung übernimmt. Es ist notwendig,  Fachschulen aufzubauen, die berufsorientiert, arbeitsweltorientiert arbeiten. Keine Schulen, die wie Hauptschulen ausschauen, sondern eher wie Berufsschulen mit ganz klarem Ziel, die ganz systematisch für die Arbeitswelt ausbilden und dann das duale System ersetzen. Anders geht es nicht. Wir können doch die Jugendlichen und die jungen Erwachsenen nicht einfach stehen lassen.

Barbara Fraaß:  Wir können nicht sagen, irgendwann einmal braucht man Arbeitskräfte und dann wird sich das wieder decken, Bedarf und Nachfrage. Jetzt müssen mit diesem Instrumentarium Berufsfachschulen die Jugendlichen ausbilden – und zwar in der Arbeit.

Gele Neubäcker: Darum machen GEW und DGB ihre Kampagne »Ausbildung für alle« mit dem Ziel, ein Grundrecht auf Ausbildung für alle jungen Menschen zu verankern. Auch als Teil einer Erwachsenenidentität. So wie ich euch verstehe, geht das nicht im dualen System, sondern über berufliche Schulen, denn das duale System bietet nur für maximal 50 % der AbsolventInnen einen Ausbildungsplatz an. Erfolgreiche PISA-Länder zeigen uns auf, wie es geht. In Finnland können die jungen Leute nach acht Schuljahren entscheiden, ob sie ein Gymnasium, was entfernt unserer gymnasialen Oberstufe entspricht, besuchen oder eine berufliche Fachschule. In Italien entscheiden sich die Jugendlichen nach acht Jahren. Beide Systeme haben schulische Berufsausbildungen. Wäre das die Lösung?

Ulrich Genghammer:  Eines ist sicher: Wenn das duale System nicht mehr funktioniert, muss man was anderes anbieten. Abwarten geht nicht! Es stellt sich dann die Frage der Finanzierung, Ausbildungsabgabe oder sonst was. Oder, wenn man das nicht mag, Steuerfinanzierung. Aber, wenn das duale System nicht mehr funktioniert, meine ich, muss das sein.

Erwin Saint Paul:  Ich denke, festzustellen, dass das duale System nicht funktioniert, ist falsch bzw. zu kurz gegriffen. Denn die Zahl der Schulabgänger, die eine Ausbildung anfangen, ist relativ hoch. Aber die Zahl der Altbewerber ist ungefähr doppelt so hoch. Deshalb kommen die Schulabgänger nicht unter. D. h. es wäre zu überlegen, wie der Markt entspannt werden kann. Warum nicht mit Berufsfachschulen? Die duale Ausbildung hat den Vorteil, dass die Sozialpartner Verantwortung übernehmen.

Barbara Fraaß:  Das duale Ausbildungssystem wird so lange auch notwendig sein, wie die Tarifentlohnung in unserer Wirtschaft darauf aufbaut. Von daher ist meine Forderung, dass man parallel zu den Veränderungen auch mehr Ausbildungsplätze im dualen System einfordern muss. Etwa die Hälfte der Jugendlichen blühen in einer betrieblichen Ausbildung auf und entwickeln durch die soziale Anerkennung im Team ein gutes Selbstwertgefühl. In der Schule dagegen kommen sie aus ihrer Schülerrolle und den damit verbundenen Versagensängsten nicht heraus.

Ein Schulproblem?

Gele Neubäcker: Das, was du sagst, ist eine heftige Kritik an der Schule. Im Praktikum, am Arbeitsplatz werden die jungen Leute ernst genommen und »funktionieren« – in der Schule wieder nicht. Versagen die Schulen?

Angela Ilmberger:  Ich fühle mich sehr angesprochen. Ich leite ja eine Hauptschule. Wenn die Kinder zu uns kommen, machen wir erst mal »Basisarbeit« so, dass Unterricht gut möglich ist, dass sie gern da sind und ihr schulisches Dasein wieder annehmen. Dann hat man sie ungefähr so weit, dass man mit ihnen arbeiten kann, dann baut man sie auf, versucht Grundlagen zu schaffen – Deutsch, Mathe, wieder ein Interesse an verschiedenen Sachgebieten und Themen – und dann geht’s in der Siebenten ganz gezielt zur Berufsorientierungsarbeit. Gleichzeitig versuchen wir natürlich, Lerntechnik zu vermitteln. Und dann haben wir ganz viele Schüler, die müssen erst wirklich lernen, mit Konflikten anders umzugehen als zuhause oder im nachbarschaftlichen Umfeld. Das dauert alles seine Zeit und  braucht auch sehr viel Energie, nicht nur bei den Lehrern, auch bei den Schülern. Dann kommen noch persönliche Brüche, familiäre Brüche und Krisen dazu. Und nebenher machen wir natürlich viel Arbeit im kreativen Bereich, weil diesbezüglich diese Schüler keine Erfahrung haben.

Hauptschule als Schulart leistet hier in dieser Stadt ganz Großartiges. Aber mit den derzeitigen Gegebenheiten können wir uns nicht weiterentwickeln. Es ist nicht machbar, inhaltlich noch besser zu werden, außer ich kriege mehr Raum, ich kriege mehr Lehrerstunden und eine Ausstattung, die wirklich dem Schülerpotenzial entsprechend sein muss.

Barbara Fraaß:  Weil es vielleicht missverständlich war: Ich möchte nicht den Lehrer, die einzelnen Bemühungen, die Veränderungen einzelner Aspekte schlechtreden. Ich erlebe einen Ideenreichtum, ein intensives Bemühen einzelner Schulen, hier den neuen Herausforderungen gerecht zu werden. Aber unter dem Strich führten sämtliches Bemühen, die Initiativen, ehrenamtliches Arbeiten usw. nicht zum Erfolg. Und das frustriert Lehrer und Schüler gleichermaßen.

Erwin Saint Paul:  Als Lösung werden ja mittlerweile zwei Konzepte diskutiert. Das eine sind zweijährige Schmalspurausbildungen, die sich aber, denke ich, insgesamt nicht bewährt haben. Das andere ist die Verlängerung von Ausbildungszeiten zusammen mit Unterstützung wie ABH-Maßnahmen und da sind die Ergebnisse gut. D. h. es ist durchaus möglich, dass jemand, der schwach ist, mit entsprechender Unterstützung in vier oder fünf Jahren erfolgreich eine Ausbildung absolviert, und zwar eine, für die andere drei Jahre brauchen.

Ulrich Genghammer:  Für einen gewissen Teil geht das sicher, aber es wird einen großen Teil geben, für den das nicht funktioniert. Mir gefallen diese zweijährigen Ausbildungen auch oft nicht, aber das ist für schwache Jugendliche eine gewisse Perspektive, die ihren Fähigkeiten entspricht und eine Bezahlung sichert, mit der sie ihren Lebensunterhalt bestreiten können.

Erwin Saint Paul:  Ich halte es für wichtig, an der dreijährigen Berufsausbildung festzuhalten. Denn wenn ein Großbetrieb einmal anfängt, eine zweijährige Ausbildung anzubieten, warum sollen sie dann nicht sagen, wir bieten 80 % nur noch einen zweijährigen Vertrag für Hilfsarbeitertätigkeiten und nur den Guten einen dreijährigen. Und das ist einfach das Problem, weshalb gerade von der IG Metall her diese zweijährigen Berufsausbildungen nach meiner Einschätzung zu Recht bekämpft werden, obwohl es auf den ersten Blick so ausschaut, als wären die zweijährigen die Lösung.

Barbara Fraaß:  Ich finde, Ausbildung und mittlerer Bildungsabschluss muss  für alle Jugendlichen Standard sein. Orientierungshilfen müssen systematisch als Unterrichtsfach angeboten werden und die Jugendlichen in die Lage versetzen, nicht bloß »ausbildungsreif« zu sein, sondern eine Entscheidung treffen zu können aufgrund der eigenen Fähigkeiten und Interessen.

Gele Neubäcker: Ich stimme zu: mittlerer Bildungsabschluss als Basisabschluss. Aber ich glaube nicht, dass wir eine Hauptschule und eine M10 dazu brauchen, sondern dass alle Kinder gemeinsam zehn Jahre lernen sollen – dann können alle in ihren Fähigkeiten besser wahrgenommen werden. Ich möchte aber eure Meinung auch noch zu Folgendem hören. Bayern beginnt ja gerade eine Hauptschulinitiative: Mehr Förderangebote, vertiefte Fertigkeiten in Deutsch und Mathe, entsprechendes Arbeits- und Sozialverhalten, mehr Praxisbezug, mehr Ganztagsschulen sollen bald in Bayern Realität werden. Haben die Jugendlichen eine bessere Chance, gleichberechtigt an der Gesellschaft teilzunehmen, wenn die Hauptschule erneut verändert wird?

Erwin Saint Paul:  Ich kann da nicht erkennen, wie die Chancen für die Hauptschüler verbessert würden. Möglicherweise erleichtert die »Reform« den Betrieben herauszufinden, welche Hauptschüler besser sind. Aber die Chancen der Hauptschüler werden durch dieses Konzept nach meiner Einschätzung überhaupt nicht verbessert.

Ulrich Genghammer:  Ich denke, wir haben andere Vorstellungen. Wie du sagst, zehn Jahre gemeinsam zur Schule gehen. Und dann muss man erst einmal schauen, was steht da auf dem Papier und was wird dann wirklich umgesetzt. Wie ich vorher gemeint habe: Ich sehe das individuelle Bemühen von meinen Kolleginnen und Kollegen, die zu uns an die Berufsschule kommen, die sich wirklich reinknien und versuchen, Veränderungen zu schaffen. Aber trotz aller Veränderungen werden wir immer einige SchülerInnen haben, die diesen Anforderungen später nicht gerecht werden. Für die brauche ich aber auch irgendeine sinnvolle Tätigkeit, von der sie später leben können.

Barbara Fraaß:  Was momentan in der Hauptschulreform gemacht wird, ist, ein bestehendes, veraltetes System an verschiedenen Ecken zu verändern. Aufgebaut auf Eigeninitiative und Selbstausbeutung der einzelnen Lehrkräfte und Eltern und Schüler. Ich finde, das Bildungssystem muss grundsätzlich angegriffen werden. Selektion können wir uns nicht leisten. Förderung des Einzelnen ist notwendig. Jeder Schüler muss es uns wert sein, ihn zu fördern, ihn in Ausbildung und Arbeit zu bringen, ihn in die Lage versetzen, sich selbst zu versorgen. Diese Aufgabe nimmt das jetzige Schulsystem nicht wahr.

Angela Ilmberger:  Unseren Schülern wird es mit diesem Konzept nicht besser gehen beim Übergang Schule-Beruf.

Gele Neubäcker: Ich danke euch für eure Beiträge und die interessante Diskussion!

 

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