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Rechtsextreme Tendenzen bei Jugendlichen

Ein Überblick über Definitionsprobleme, aktuelle Entwicklungen, Ursachen und pädagogische Schlussfolgerungen

(Langfassung des gleichnamigen Artikels in der DDS 2010_01-02)

 

07.02.2010 - Prof. Dr. Kurt Möller, Hochschule Erlangen

„Rechtsextreme Tendenzen bei Jugendlichen? Ich weiß nicht - das wird doch alles viel zu sehr aufgebauscht!“; „Alles wird immer nur noch schlimmer: Die Jugend wird zunehmend demokratievergessener, rechter und menschenfeindlicher!“ – zwei Äußerungen, die man genau so oder ähnlich am Rande von Tagungen zu gesellschaftlichen Problemen des Rechtsextremismus und der Demokratiegefährdung aufschnappen kann. Welche stimmt? Die erste? Die zweite? Keine? Gar beide? Oder vielleicht eine dritte?

Eine Antwort erschließt sich wohl am ehesten, wenn zunächst geklärt wird, was mit Rechtsextremismus überhaupt inhaltlich gemeint ist.

Anschließend ist in einem zweiten Schritt auf dieser Grundlage ein differenzierter Blick auf seine Erscheinungsweisen und ihre Entwicklungen zu werfen.

Danach können drittens die Ursachen der benannten Phänomene interessieren – und vielleicht auch die Faktoren, die Individuen vor einer Übernahme entsprechender Orientierungen und Verhaltensweisen schützen.

Abschließend können zum vierten Konsequenzen gezogen werden, wobei unter den hier primär anzulegenden Gesichtspunkten der Jugendarbeit (nicht nur, aber) zuerst pädagogische Erfordernisse interessieren.

Definitorisches

Definitionsprobleme fangen schon bei der möglichen Infragestellung des hier verwendeten Begriffs „Rechtsextremismus“ an. Sollte man nicht besser von „Rechtsradikalismus“ sprechen? Oder von „Rassismus“? Vielleicht auch nur von „Rechtsorientierung“? Und: Macht es einen Unterschied, ob man adjektivisch von „rechtsextrem“, „rechtsextremistisch“, „rechts“, „rechtsorientiert“ oder „extrem rechts“ spricht?

Welche Argumente man in diesem Streit um Worte auch immer anbringen mag, jenseits akademischer Spitzfindigkeiten und politischer Nuancierungen gilt: Wichtiger als die Bezeichnung, ist das Bezeichnete selbst. Wenn wir hier – im übrigen in Übereinstimmung mit dem größten Teil der einschlägigen Forschung – von „Rechtsextremismus“ sprechen, ist damit zum einen das gemeint, was auch Behörden wie Verfassungsschutz und Polizei darunter verstehen, nämlich eine Vielzahl von Bestrebungen, die gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung gerichtet sind, den Bestand oder die Si­cher­heit des Staates gefährden oder eine ungesetzliche Beeinträch­ti­gung der Verfassungs­organe be­absichtigen. Zum anderen ist das stärker auf politische Inhalte Bezug nehmende Kriterium eingeschlossen, wo­nach eine rechts­extre­mis­tische Einstellung oder Weltanschauung zumin­dest durch ethnisch, nationalistisch und teils auch sozial­darwi­nis­tisch und/oder rassistisch begrün­dete Annahmen über die Ungleichheit bzw. Ungleichwertigkeit mensch­licher Subjekte gekennzeichnet ist. Sie ist gepaart mit dem Postulat ethnisch­er Homogenität (‚Volksgemeinschaft’) und einem auto­ri­tären bis diktato­rischen Gesellschafts- bzw. Staatsverständnis, das auch außerstaatliche Gewaltanwendung zur Durchsetzung seiner Interessen legitimiert. Diese Weltanschauung stellt sich so in Opposition zum Wertepluralismus der liberalen Demo­kratie.

Die von der Öffentlichkeit zur Zeit am stärksten fokussierten Problembereiche Fremden­feind­lichkeit, Anti­semitismus, Nationalismus und entsprechend gründende bzw. begründete Gewalt liegen damit, je nach Operationalisierung, mehr oder weniger deutlich innerhalb oder eben auch teilweise nur im Umkreis des mit „Rechtsextremismus“ bezeichneten syndromartigen Symp­tom­felds. Mit ihnen sind Strömungsgrößen bezeichnet, die in den Bereich des parteipolitisch nahezu frei flottierenden „Rechtspopulismus“ hineinreichen.[1] Insbesondere seinen Elementen sind nicht unbedingt immer ideologische Überzeugungen zu unterstellen; vielmehr finden sich auch Haltungen, die durch Stimmungen, Gestimmtheiten und Mentalitäten, wenn nicht schlicht durch scheinbare ‚Normalitäten’ und Gewohnheiten bestimmt sind und nicht Diskursen, Argumenten und verstandesmäßigen Überlegungen folgen müssen. Haltungen, die so basiert sind, als „rechtsextremistisch“ zu kennzeichnen, könnte so verstanden werden, dass ihnen ideologische Fundamentierungen, sogenannte „Ismen“ eben, zugeschrieben werden. Um diesem Missverständnis zu entgehen, benutzen wir hier das in dieser Hinsicht unspezifischere, die Grundierungszusammenhänge mehr offen lassende Adjektiv „rechtsextrem“. Wir meinen, dass dies auch gerade den entsprechenden Haltungen von per definitionem noch im Identitätsbildungsprozess befindlichen, als auch als politische Persönlichkeit noch ‚unfertigen’ Jugendlichen eher gerecht wird, zumal dann, wenn man von „Tendenzen“ spricht, also von Neigungen in bestimmte Richtung.

Erscheinungsweisen und Entwicklungen

Grundsätzlich lässt sich das themenspezifische gesellschaftliche Lagebild am besten so zeichnen, dass der Blick auf vier Bereiche gelenkt wird:

Zum ersten lassen die Wahlergebnisse von 1949 – 2009 (vgl. Schaubild 1) erkennen, dass hinsichtlich rechtsextremer Wahlerfolge von einer ‚biologischen Erledigung von selbst’ nicht die Rede sein kann. Nachdem in den Anfangsjahren der Bundesrepublik noch ‚Ewiggestrige’ für beträchtliche Stimmenzahlen rechtsextremistischer Parteien sorgten und man auch das Zwischenhoch in der zweiten Hälfte der 60er Jahre noch auf ‚alte Nazis’ zurückführen konnte, hat seit Ende der 80er Jahre ein Wiederaufleben rechtsextremer Wahlattraktivität eingesetzt, das sich nunmehr über zwei Jahrzehnte hinweg vornehmlich durch das Nachwachsen junger Wählergruppen (Erst- und ZweitwählerInnen) stabilisiert, verdichtet und zu z.T. außerordentlichen Ergebnisse geführt hat – etwa zuletzt 2004 und 2009 in Sachsen, wo die SPD nur sehr knapp die NPD hinter sich lassen konnte und gerade junge Männer in manchen Wahlbezirken zu bis zu 30% ‚braun’ gewählt haben.

 Schaubild 1: Wahlergebnisse rechtsextremistischer Parteien (DRP, SRP, NPD, DVU, REP) bei Landtags-, Bundestags- und Europawahlen zwischen 1949 und 2009 (kumulierte Ergebnisse über 3%)

Zum zweiten weist die zahlenmäßige Entwicklung desrechtsextremistischen Personenpotenzials (vgl. Schaubild 2) zwar ihren Höhepunkt im Jahre 1993 auf, zeigt jedoch vor allem in jüngerer Zeit eine Besonderheit auf, die zu denken gibt: Während der parteiförmig organisierte Rechtsextremismus insgesamt Attraktivitätseinbußen hinnehmen muss, wächst innerhalb dieses Spektrums die Anziehungskraft der NPD – so verbuchte diese Partei von 2006 bis 2008 einen Mitgliederzuwachs um rd. 17%, nämlich von 6000 auf 7000 Personen – und steigt vor allem der Zulauf zu neonazistischen Vereinigungen sowie zu den Gruppierungen von subkulturell Gewaltbereiten (Skinheads u.a.). Aufgrund dieser internen Verschiebungen innerhalb des rechtsextremistischen Lagers ist davon auszugehen, dass mittlerweile rd. 30% - 40% der Angehörigen dieses politischen Spektrums als gewaltbereit anzusehen sind. Auch auf diesem Felde ergibt sich somit eine wachsende Brisanz, zumal es gerade die Jungen sind, die sie verursachen.

Schaubild 2: Entwicklung des rechtsextremistischen Personenpotenzials 1985 – 2008

Zum dritten erklimmen die registrierten Zahlen von rechtsextrem motivierten bzw. kontextualisierten Straf- und Gewalttaten schwindelerregende Höhen (vgl. Schaubild 3). Die von vielen ZeitgenossInnen gehegte Annahme, auch hier habe man 1993 den Zenit rechter Kriminalität überschritten, erweist sich als falsch: Nie gab es mehr rechte Straftaten als gegenwärtig – 2006 fast 100% mehr als zum vermeintlichen Gipfelpunkt 1993! Die Gewalttaten stabilisieren sich in den letzten Jahren auf einem Niveau zwischen 800 und 1000 registrierten Taten und sind damit im neuen Deutschland rd. 10- bis 11fach so häufig wie im Durchschnitt der 80er Jahre in der BRD. Gerade junge Leute, also Jugendliche und Heranwachsende zwischen 18 und 21, sind es, die auch diesen Trend tragen.

Schaubild 3: Entwicklung der Zahl rechtsextremistischer Straf- und Gewalttaten in Deutschland (1985 – 2008)[2]

Daten bis 1990 für BRD, ab 1991 für Gesamtdeutschland

Quellen: Verfassungsschutzberichte 1985-2008 und 2. Periodischer Sicherheitsbericht

Zum vierten ist jenem Bereich Aufmerksamkeit zu schenken, der sich nicht unbedingt in Verhalten niederschlägt: den Einstellungen und anderen haltungsbildenden Orientierungen (wie z.B. Ressentiments und Mentalitäten). Bilanziert man die Vielzahl der Studien, die diesbezüglich vor allem seit den 90er Jahren durchgeführt wurden (vgl. eingehender Möller/Schuhmacher 2007, 42ff.), so ergibt sich, dass sich Bestandteile rechtsextremer Orientierungen – je nach Operationalisierung - bei zwischen 20% - 50% der deutschen Bevölkerung finden, wobei der ‚harte Kern’ bei einem Viertel bzw. einem Fünftel dieser Prozentspanne ausgemacht wird. Jugendliche sind hinsichtlich (extrem) rechter Orientierungen eher unterproportional vertreten, so dass man für sie die Prozentspanne – allerdings nach Regionen unterschiedlich (Ost – West) - eher halb so hoch ansetzen kann/muss. Sie sind aber eher bereit, Gewaltbereitschaften real umzusetzen. Und: Sie werden durch Erwachsenen sozialisiert, die im Schnitt ‚rechter’ sind als sie selbst, so dass sich besondere lebensphasenspezifische Anfälligkeiten und sozialisatorische Stolpersteine für Demokratieentwicklung ergeben, die gerade junge Leute betreffen.

 

Neuere und für die Ansprache von jungen Leuten bedeutsame Entwicklungen in der rechten Szene betreffen daneben zum einen politische Strategien des organisierten Spektrums bei der Werbung für politische Inhalte und bei den Versuchen ihrer Durchsetzung, zum anderen - genereller – ihre Organisierungs- und Rekrutierungsformen (vgl. ausführlicher ebd., 49ff.).

Strategisch ist vor allem bemerkenswert, dass das seit rd. 10 Jahren verfolgte Drei-Säulen-Konzept (der NPD) von „Kampf um die Parlamente“, „Kampf um die Köpfe“ und „Kampf auf der Straße“ gerade in seinem letzten Bestandteil auf die Mobilisierung neonazistischer Kreise, „freier Kameradschaften“ und subkulturell Gewaltbereiter, mithin also speziell auf die Ansprache junger, bereits entsprechend vororientierter Leute zielt. Mindest ebenso interessant aber ist erstens die Erweiterung dieses Konzepts durch eine vierte Säule, den „Kampf um den organisierten Willen“, der eine „Gesamtbewegung des nationalen Widerstands“ zu bilden beabsichtigt und zweitens die Etablierung von „Querfrontstrategien“, die über globalisierungskritische und antikapitalistische Positionierungen Nähe zum systemfeindlichen linken Spektrum signalisieren.

Die Organisierungs- und Rekrutierungstaktiken der Rechten sind mit den Trends von Popularisierung, Verszenung, Normalisierung und ‚Sozialarbeiterisierung’ zu kennzeichnen. Popularisierung meint die Inszenierung eines lifestyles, der die politischen Botschaften jugendkulturell rahmt (etwa über Musik und Outfits) und damit gerade für Jugendliche recht voraussetzungslos nutzbare symbolisch-kulturelle Andockstellen schafft, die jenseits intellektueller bzw. kognitiver Ansprachen liegen. Verszenung markiert eine Form von Organisierung, die auf mehr oder weniger feste Mitgliedschaften verzichtet und locker strukturierte, punktuelle, temporäre, weniger verbindliche. ‚projektförmige’, tendenziell enthierarchisierte und medial vernetzte An- und Einbindungen schafft (etwa über das Internet). Normalisierung hebt auf die Beobachtung ab, dass zunehmend eine ‚Vermittung’ jener Orientierungselemente vonstatten geht, von denen man einmal annahm, dass sie für eine rechtsextreme Auffassung typisch sind. Aktuelle Studien (vgl. etwa Decker/Brähler/Geißler 2006, Heitmeyer 2002, 2003, 2005, 2006, 2007, 2008) weisen nach, dass diejenigen, die sich fremdenfeindlich oder in anderer Weise minoritätenaversiv geben, sich heute – aufgefordert, eine politische Selbsteinstufung vorzunehmen - viel häufiger (nämlich zu fast 60%) zur politischen ‚Mitte’ zählen als noch vor ein paar Jahren. Der Trend zur ‚Sozialarbeiterisierung’ schließlich ist einer, der sich vornehmlich in sozial ausgedünnten Landstrichen Ostdeutschlands findet: Nachbarschaftliche Hilfsleistungen, Mitarbeit bei der örtlichen Feuerwehr, Mitwirkung an Dorffesten u.ä.m. treten als Teil einer Sympathie erheischenden Strategie von ‚Nationalsozialarbeit“ gleichsam wohlfahrtsgesellschaftlich auf den Plan.

Ursachen

Die letztendlichen Ursachen der Existenz bzw. der Konjunkturen des Phänomens Rechtsextremismus oder auch nur der Hinwendung und Abwendung von Jugendlichen zu bzw. von rechtsextremen Haltungen umfassend zu erklären, ist im Rahmen dieser Abhandlung noch unmöglicher als die zahlreichen theoretischen Erklärungsansätze abzuwägen, die sich speziell für die Entstehungsprozesse auf dem sozialwissenschaftlichen Deutungsmarkt befinden (vgl. zusammenfassend z.B. Möller 2000, Schroeder 2004; Borrmann 2005; Möller/Schuhmacher 2007). Vor dem Hintergrund unserer eigenen empirischen Befunde drängt sich gleichwohl sowohl für den Affinitätsaufbau von Jugendlichen als auch für deren Distanzierung von rechtsextremen Haltungen eine Erklärung auf, die sich als lebensgestaltungstheoretischer Ansatz verstehen lässt und individualisierungs-, sozialisations-, identitäts-, (jugend)kultur-, geschlechter-, kontroll-, emotions- und (des)integrationstheoretische Perspektiven integriert.

In äußerster Verkürzung dargelegt erklärt sich danach der Aufbau rechtsextremer Haltungen - aber auch die Abwendung davon - durch Verarbeitungsprozesse von Alltagserfahrungen. Genauer betrachtet handelt es sich darum, dass bei dem für alle Subjekte legitimen, ja den Lebensprozess geradezu ausmachenden Versuch, die eigene Lebensgestaltung zu bewerkstelligen, also 1. in hinreichender Weise Kontrolle über das eigene Leben herzustellen, 2. soziale Integration zu erzielen und 3. dafür und dabei solche personalen und sozialen Kompetenzen zu entwickeln, die Kontrolle und Integration aus subjektiver Sicht identitätssichernd ermöglichen bzw. befördern, einerseits Schwierigkeiten andererseits Gelegenheitsstrukturen auftreten, die rechtsextreme Haltungen als Lösungsmöglichkeiten andienen. Solche Schwierigkeiten bestehen z.B. darin, über Arbeit und Bildung keine befriedigenden Kontrollmöglichkeiten (z.B. Selbstwirksamkeitserfahrungen) für das eigene Leben aufbauen zu können – z.B. weil Arbeit fehlt oder die Formalqualifikation nicht ausreicht - , die soziale Integration in gemeinschaftliche Zusammenhänge (z.B. Familie) und gesellschaftliche Instanzen des Interessenausgleichs (z.B. Institutionen der gesellschaftlichen Mitsprache) als defizitär zu empfinden und/oder wichtige Kompetenzen des Zusammenlebens (wie Äußern von Bedürfnissen, (An)Erkennen der Bedürfnisse anderer, verbale Konfliktfähigkeit, Übernahme von Verantwortung für das eigene Handeln, Affektkontrolle etc.) nicht hinreichend erlernt zu haben. Wenn im Zusammenspiel solcher Erfahrungen die Lebensgestaltung scheitert oder zu scheitern droht und gleichzeitig ‚von rechts’ identitätsrelevante Versprechungen und (scheinbare) Möglichkeiten lanciert werden, sie dort realisieren zu können, kann der Push aus Kontroll-, Integrations- und Kompetenzdefiziten zusammenwirken mit Brücken bauenden Gelegenheitsstrukturen (wie sie z.B. durch die o. e. Entwicklungstrends jeweils vor Ort bzw. im individuellen Fall gegeben sein können). Damit ist keinesfalls ein Automatismus zu unterstellen, der der Formel „wenig/keine Kontrolle + wenig/keine Integration + wenig/keine Kompetenzentwicklung + rechtsextreme Gelegenheitsstrukturen = Affinitätsaufbau nach rechts“ folgen würde und für die umgekehrte Entwicklung dasselbe mit umgekehrten Vorzeichen voraussetzte. Letztendlich entscheidend ist das Subjekt, das eine Wahl trifft, eine Wahl auf der Basis der Bilanzierung von Erfahrungen vor dem Hintergrund des Interesses an Lebensgestaltung. Diese Bilanzierungen wiederum sind nicht ausschließlich kognitive Prozesse, sondern auch Reflexionen des Selbst, die affektiv-emotional und bio-physisch mit Bezug auf somatische Empfindungen ablaufen. Von daher ist erklärlich, dass rechtsextreme Orientierungen aufzunehmen, sich gerade für diejenigen anbietet, die biographische Brüche im Bildungs- und Berufsverlauf aufweisen, überdurchschnittlich gravierende familiäre Probleme angeben, Schwierigkeiten dabei haben, gewaltfreie Gleichaltrigenbeziehungen zu pflegen, Männlichkeitsmuster interpersonaler Dominanz aufweisen (Jungen) oder zu kopieren suchen (z.T. Mädchen) und in ihrer Persönlichkeitsentwicklung z.T. gestört erscheinen (z.B. aggressive Impulse kaum kontrollieren können). Ihnen können sich rechtsextreme Offerten besonders erfolgreich zur Selbstwertbestätigung, zum Aufbau von Orientierungsgewissheit, als neue „Familie“, als unverbrüchliches „Kameradschaftsnetz“ (vornehmlich von Peers), als Aktionsfläche vermeintlich ‚echter’, pro-soziale Emotionen weitgehend unterdrückender Männlichkeit und (Schein-)Autonomie und generell als Verhaltensraum andienen, in dem Defizite an Empathie, Perspektivenwechsel, Impulshemmung, verbaler Konfliktregulierungsfähigkeit usw. nicht auffallen, ja mehr noch: sozial erwünschte Voraussetzungen des Agierens sind.

Entgegen kommt ihnen ein Trend zur erlebnisgesellschaftlichen Überformung des Politischen im allgemeinen, also die Tendenz, politische Angebote wie Konsumartikel zu bewerben, Berufspolitiker/-innen wie Medienstars zu stilisieren und politische Aktivitäten als Spaß-Veranstaltungen und  „action“-Offerten zu konturieren. Hinzu kommt die eigene Möglichkeit, eine rechtsextreme Erlebniswelt anbieten zu können. Zum Beispiel das Gemeinschaftserlebnis des massenhaft auftretenden „rechten Mobs“ im Zuge von Demonstrationsauseinandersetzungen oder auf Skinmusik-Konzerten macht Lebensgestaltung auch in Gestalt von Erlebensgestaltung erfahrbar (eingehender unter diesem Fokus zum Gesamtzusammenhang der Ursachen wie zu Einzelaspekten Möller/Schuhmacher 2007, Möller 2007a, 2008, 2009).

Pädagogische Schlussfolgerungen

Wer gute Ratschläge zur pädagogischen Bearbeitung des Rechtsextremismusproblems (bei Jugendlichen) abgibt, läuft heutzutage leicht Gefahr, sich mit der Aneinanderreihung von sattsam Bekanntem lächerlich zu machen. Alles schon mal gehört – so heißt dann schnell der Kommentar. Um jeglicher Anfälligkeit für Banalitätensammlung und Rezeptologie zu entraten, soll deshalb hier zum einen nur auf ausführlichere Ausarbeitungen aus Sicht des Autors hingewiesen werden (Möller/Schuhmacher 2007, 487-539; kürzer: Möller 2007a und Gulbins/Möller u.a. 2007), zum anderen jedoch noch ein Aspekt hervorgehoben werden, der bisher ziemlich unbeleuchtet geblieben ist, aber aus dem Konzept der Gestaltungsbilanzierungen zu folgern ist.

Die Rede von der ‚rechtsextremen Erlebniswelt’ hat sich zwar inzwischen selbst in Vor- und Beiträgen von Verfassungsschützern festgesetzt, was die erlebnisgesellschaftliche Prägung des Politischen allerdings an pädagogischen Konsequenzen mit sich bringt, wird bislang kaum reflektiert. Wenn es stimmt, dass wir es hier mit einer Angebotsform zu tun haben, die stark auf emotionale und korporal spürbare Anziehungskräfte zielt, dann stellt sich verstärkt die Frage, wie dem erzieherisch und bildnerisch beizukommen ist – zumal deren Verbot so wenig an der Bedürftigkeit, die hinter ihrer Annahme steckt, ändert wie die Verbannung nackter Brüste und Pos aus den Medien dem Sex- und Pornographiekonsum vorbeugt. Offenbar kommen wir nur dann bei der Bearbeitung des Rechtsextremismus-Problems weiter, wenn wir die hinter solchen Attraktionen stehenden Bedürfnisse ernster nehmen als wir dies bisher tun. Daraus wäre zu folgern, viel stärker als bislang unternommen neben kognitiver Aufklärung auf das Vermitteln von Erfahrungen zu setzen, die emotional positiv besetzte Erlebensmöglichkeiten bieten und die denen der ‚Rechten’ funktional äquivalent sind. Dies bedeutet zum einen, jene Defizite aufzuarbeiten, oder besser noch: ihnen gar nicht erst gedeihliche Entfaltungsbedingungen zu geben, die in den etablierten Sozialisationsinstanzen von Familie und Co. bestehen. Möglichkeitsräume für diese Erfahrungen lassen sich aber zum anderen auch – um dies gegen Ende dieses Beitrages wenigstens noch anzudeuten – in noch unmittelbarer professionell-pädagogischen beeinflussbaren Feldern von Beziehungsangeboten, Bewegungskultur, Risikoerleben, Musik, Symbolik, Mode, Gemeinschaftsleben und Partizipationsprojekten auffinden bzw. entwickeln. Konkrete Beispiele sind:

  • kontinuierliche Alltagsbegleitungen rechtsextrem gefährdeter und orientierter Jugendlicher durch Teams aufsuchender Arbeit mit so intensiven Einzelfallhilfen, dass pädagogische Bezüge entstehen können,
  • Einbezug von Laienhelfern und ggf. Vermittlung von Patenschaften zu glaubwürdigen Erwachsenen (etwa Aussteigern oder Personen, die ein Gewalt-Milieu hinter sich gelassen haben), mit denen eine auf Kontinuität angelegte persönliche Beziehung geknüpft werden kann,
  • sport- und erlebnispädagogische Angebote, die einerseits als Grenzentests emotionale Höhepunkterlebnisse, andererseits Erfahrungen von Solidarität und gemeinsamem Erfolg gestatten,
  • kulturpädagogische Aktivitäten, etwa Musikworkshops für rechtsextrem Gefährdete, in denen die Vorliebe für einen Skinmusikstil aufgegriffen wird, diese aber mit nicht-rassistischen Texten und ursprünglichen Stücken (z.B. aus dem Bereich von Ska und Reggae) ‚bedient’ wird – durchaus auch im Sinne handlungsorientierter Medienpädagogik,
  • Freizeitaktivitäten, die Gemeinschaftserfahrungen jenseits der Kohäsionsmedien von Gewalt, Ausgrenzung, Diskriminierungsdiskursen und gemeinsamem Alkoholkonsum ermöglichen,
  • Beteiligungsangebote, die die als verstopft angesehenen Kanäle politischer Partizipation und allgemeiner gesellschaftlicher Mitbestimmung erweitern bzw. ergänzen (Jugendforen, -hearings, -räte, Projektgruppen, Hausversammlungen etc.).

 

Literatur:

Borrmann, Stefan (2005): Wissenschaftlich begründete Leitlinien für die Praxis Sozialer Arbeit. Ein handlungs­theo­re­tisches Modell am Beispiel Sozialer Arbeit mit rechten Jugendcliquen. Berlin (Diss.)

Decker, Oliver/Brähler, Elmar/Geißler, Norman (2006): Vom Rand zur Mitte. Rechtsextreme Einstellungen und ihre Einflussfaktoren in Deutschland. Berlin (Friedrich-Ebert-Stiftung).

Gulbins, Guido/Möller, Kurt u.a. (2007): „Denn Sie wissen nicht, was sie tun“? Evaluation aufsuchender Arbeit mit rechtsextrem und menschenfeindlich orientierten Jugendlichen. In: deutsche jugend 12/2007, 526-534

Heitmeyer, Wilhelm (Hrsg.) (2002): Deutsche Zustände. Folge 1. Frankfurt/M.

Heitmeyer, Wilhelm (Hrsg.) (2003): Deutsche Zustände. Folge 2. Frankfurt/M.

Heitmeyer, Wilhelm (Hrsg.) (2005): Deutsche Zustände. Folge 3. Frankfurt/M.

Heitmeyer, Wilhelm (Hrsg.) (2006): Deutsche Zustände. Folge 4. Frankfurt/M.

Heitmeyer, Wilhelm (Hrsg.) (2007): Deutsche Zustände. Folge 5. Frankfurt/M.

Heitmeyer, Wilhelm (Hrsg.) (2008): Deutsche Zustände. Folge 6. Frankfurt/M.

Möller, Kurt (2000): Rechte Kids. Eine Langzeitstudie über Auf- und Abbau rechtsextremistischer Orientierungen bei 13- bis 15jährigen. Weinheim und München.

Möller, Kurt (2007a): Soziale Arbeit gegen Menschenfeindlichkeit. Lebensgestaltung über funktionale Äquiva­len­zen und Kompetenzentwicklung. In: Heitmeyer, Wilhelm (Hrsg.): Deutsche Zustände. Folge 5. Frankfurt/M. S. 294-311

Möller, Kurt (2008): Körperpraxis und Männlichkeit bei Skinheads. In: Baur, Nina/Luedtke, Jens (Hrsg.): Was macht den Mann zum Mann? Beiträge zur Konstruktion von Männlichkeit. Opladen, 193-238

Möller, Kurt (2009): Gestaltungsbilanzierungen. Zur Bedeutung von Integrations- und Desintegrationserfahrungen im biographischen Verlauf. In: Heitmeyer, Wilhelm/Imbusch, Peter (Hrsg.): Desintegrationsprozesse – Stärkung von Integrationspotentialen in einer modernen Gesellschaft (Arbeitstitel). Wiesbaden (erscheint Winter 2009).

Möller, Kurt/Schuhmacher, Nils (2007): Rechte Glatzen. Rechtsextreme Szene- und Orientierungszusammenhänge – Einstiegs-, Verbleibs- und Ausstiegsprozesse von Skinheads. Wiesbaden.

Schroeder, Klaus (2004): Rechtsextremismus und Jugendgewalt in Deutschland: Ein Ost-West-Vergleich. Pader­born, München, Wien und Zürich.


[1] Rechtspopulismus wird hier im Einvernehmen mit den Studien zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (vgl. Heitmeyer 2002, 2003, 2005, 2006, 2007, 2008) verstanden. Wer den folgenden Statements allesamt zustimmt, gilt demnach als RechtspopulistIn: „Um Recht und Ordnung zu bewahren, sollte man härter gegen Außenseiter und Unruhestifter vorgehen.“, „Verbrechen sollten härter be­straft werden.“, „Es le­ben zu viele Ausländer in Deutschland.“, „Die in Deutschland lebenden Ausländer sind eine Belastung für das so­ziale Netz.“ und „Viele Juden versuchen aus der Ver­gangenheit des Dritten Reiches heute ihren Vorteil zu ziehen und die Deutschen dafür zahlen zu lassen.“

 

[2] Die Daten sind in der Langzeitbetrachtung nur bedingt vergleichbar. Zum einen ist die Ver­größerung der Einwohner­Innenzahl und Fläche Deutschlands mit der Wiedervereinigung 1990 zu be­achten. Zum anderen basieren die Daten ab 2001 auf geänderten Definitionskriterien. Seitdem wer­den unter den Begriff der „Politisch motivierten Kriminalität (PMK) – Rechts“ jene Taten subsumiert, bei de­nen „die Umstände der Tat oder die Ein­stellung des Täters darauf schließen lassen, dass sie sich ge­gen eine Person aufgrund ihrer politischen Ein­stellung, Nationalität, Volkszugehörigkeit, Rasse, Haut­far­be, Religion, Weltanschauung, Herkunft, sexuellen Orientierung, Behinderung oder ihres äußeren Er­schei­nungsbildes bzw. ihres gesellschaftlichen Status rich­ten“. Als „rechtsextrem motiviert“ gilt nur eine Teilmenge, die aller­dings seit 2001 von knapp 70% auf gut 90% (2003) stieg.

 

 

 

 

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