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BerichtFahrt der GEW-Senioren nach Essen

Muss man ausgerechnet nach Essen fahren? In diese doch sicher dreckige, ziemlich große, verkehrsreiche Industriemetropole mehr oder weniger mitten im größten Industriegebiet Europas?

08.01.2020 - Doetsch

30 bayerische GEW-Seniorinnen und –Senioren trauten sich, nahmen das Reiseangebot des Landesseniorenausschusses (LSA) gerne an und wurden für ihre Entscheidung mehr als belohnt. Schon das breit gefächerte Programm zeigte die Richtung an, in der Gewerkschafter die Stadt erkunden konnten, standen doch die „Zeche Zollverein“ und eine Führung „Über Kohle und Kumpel“ im Zentrum der Möglichkeiten. Aber darüber hinaus blieb noch sehr viel Zeit, um eigenen, kulturellen Interessen nachzugehen.

Die „Zeche Zollverein“, heute Unesco-Weltkulturerbe, war ein von 1851 bis 1986 aktives Steinkohlerevier in Essen, das nach dem Deutschen Zollverein von 1834 benannt wurde. Heute ist diese Zeche ein umgebauter Industriekomplex, der mehrere Museen beherbergt. Ein informativer Rundgang durch die ehemaligen Schachtanlagen zeichnet die Geschichte von Kohlebergbau und Stahlproduktion in der Stadt nach. 1957/1958 traf die Kohlenkrise in Folge der Konkurrenz von Erdöl und Importkohle auch Essen, die größte Bergbaustadt der Bundesrepublik. Hier mussten fünf Zechen geschlossen werden und 13.000 Kumpel standen auf der Straße. Essens lange Tradition als Bergbaustadt war 1986 mit der Schließung der letzten Zeche, eben der „Zeche Zollverein“ beendet. Ein ehemaliger Bergmann führte uns, erzählte von unmenschlichen Arbeitsbedingungen unter Tage bei einer Temperatur von über 40 Grad und Arbeit in gebückter Haltung und sagte im gleichen Atemzug, er würde sofort wieder seine Arbeit unter Tage aufnehmen. Fragende Gesichter. Die Solidarität der Kumpel, der enge Zusammenhalt – denn unmittelbar aufeinander angewiesen, entwickelte sich tief im Inneren der Erde eine ganz besondere Beziehung.

Zur Kohle gehörte natürlich die Stahlproduktion. Bedeutende Rüstungsunternehmen hatten sich in Essen angesiedelt, vor allem die Krupp-Gussstahlfabrik. Wer vor 100 Jahren diese Stadt regierte, wird bei einem Besuch der „Villa Hügel“ deutlich. Außerhalb der Stadt in einer 28 ha großen grünen Parkanlage mit schönem alten Baumbestand steht in exponierter Lage die von 1870 – 1873 gebaute Residenz der Fabrikdynastie Krupp, die heute Schauplatz großer Ausstellungen ist und vor allem die Firmen- und Familiengeschichte in wohlgefälliger Breite vermittelt. Die Kunsthistorikerin Dr. Anja Thomas-Netik erfreute uns mit ihrer sehr informativen, aber vor allem auch kritischen Führung. Das veranlasste mich, noch ein bisschen genauer nachzulesen. So erfährt man, dass  1903 502 Personen auf der Gehaltsliste der Familie Krupp standen, von Ärzten über Verwalter, Wäscherinnen, Hausmädchen, Köche, Kutscher bis zu Laufjungen und Servierdiener. Verlangt wurde von ihnen in erster Linie „absolute Verschwiegenheit“, aber auch „Redlichkeit, Pünktlichkeit, Gehorsam, Bescheidenheit, Reinlichkeit und Ordnungssinn“. Das bedarf sicher keines weiteren Kommentars. Natürlich erfährt man dort nicht, dass Essen wegen seiner Rüstungsindustrie im Kriege völlig zerbombt wurde. Dass es Zwangsarbeiter gab, wird mit einer winzigen Tafel gestreift, aber nicht erwähnt, dass es Zehntausende waren, die in 350 Essener Lagern lebten und für Krupp, Siemens unter Tage schuften mussten. Auch ein KZ gab es, das die offizielle Bezeichnung trug „SS-Arbeitskommando Friedrich Krupp, Essen“.

Wer sich mit diesen Monumenten der Macht nicht länger beschäftigen wollte, hatte reichlich Gelegenheit, Museen und Sammlungen zu betrachten. So zählt das Museum Folkwang zu den bedeutendsten Kunstmuseen Deutschlands. Deutsche und französische Malerei des 19. Jahrhunderts sowie verschiedene Kunstrichtungen des 20. Jahrhunderts werden gezeigt. Dann ist da der Dom, diese dreischiffige gotische Hallenkirche, die zwischen 1275 und 1307 erbaut wurde und einen außergewöhnlichen Domschatz besitzt. Sakrale Kostbarkeiten aus allen Epochen vom frühen Mittelalter bis zum Rokoko werden gezeigt, darunter die „Goldene Madonna“ aus dem 10. Jahrhundert. Einige aus unserer Gruppe gingen abends noch ins Theater. Andere traf man in der bedeutenden Synagoge, die in der Nacht zum 10. November 1938 wie so viele andere jüdische Gotteshäuser von den Nazis gebrandschatzt wurde.

Wir erlebten, dass Essen heute ein modernes Gesicht bekommen hat und im Zeichen eines umfassenden Strukturwandels längst zu einer bedeutenden Stadt des Dienstleistungsgewerbes und auch zunehmend der Kultur geworden ist. Dass wir darüber viel Wissenswertes erfuhren, hatten wir einem unserer Teilnehmer, Helmut Radler aus Würzburg, zu verdanken, der einen Kontakt zu Herrn Muchtar Al Ghusain, dem Beigeordneten der Stadt Essen für die Bereiche Jugend, Bildung und Kultur herstellte. Er lud uns an einem Abend in das wunderschöne Wasserschloss Borbeck ein, gab ein kleines  Klavierkonzert und berichtete anschaulich und überaus informativ über seine interessante Kulturarbeit für die Stadt.

Besonders hervorheben möchte ich noch den überaus herzlichen Empfang durch unsere GEW-Kolleg*innen aus Nordrhein-Westfalen. Annegret Caspers, Vorsitzende des Ausschusses für Ruheständler der GEW NRW hatte bereits bei der Vorbereitung und Durchführung geholfen, Henner Höcker, Referent für Öffentlichkeitsarbeit des Stadtverbandes Essen, hatte uns mit Informationsmaterial versorgt und der stellvertretende Landesvorsitzende Sebastian Krebs ließ es sich nicht nehmen, uns persönlich zu begrüßen und uns alle zu einem köstlichen Abendessen einzuladen.

Unser aller besonderer Dank gilt aber unserem Gruppenleiter Manfred Doetsch, der wieder einmal wie sooft mit größtem Einsatz, äußerster Sorgfalt und höchster Präzision die gesamte Reise geplant und begleitet hat. Unsere GEW lebt von solchen Kollegen, die nicht müde werden, sich für ihre Gewerkschaft,  in diesem Fall die Seniorenarbeit, einzusetzen.

Andreas Salomon, KV Rosenheim

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