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DDS November 2016 - Editorial

11.11.2016 - Dorothea Weniger

500 Jahre Reinheitsgebot – Politiker*innen wie Merkel, Schmidt, Aigner & Co. reisten in diesem Jahr nach Ingolstadt zum zentralen Festakt und nutzten dort jede Gelegenheit, um die Droge Alkohol, hier in Form von Bier, zu verharmlosen.

Ein weiteres Indiz dafür, wie groß der Einfluss der Alkohollobby auf
die Politik ist – eine taffe Lobby zudem, die selbst Glyphosat
und andere Chemikalien im Bier noch als »rein« gelten lässt.
Präsent ist die Droge Alkohol überall: im Supermarkt, an
der Tankstelle, am Arbeitsplatz. Wer sie ablehnt, gilt als
Spaßbremse. Verliert jemand die Kontrolle über den eigenen
Konsum, wiegelt das soziale Umfeld meist noch lange
Zeit ab, ansonsten stünde ja eine Reflexion der eigenen
Trinkgewohnheiten an.
Über die harten und weichen Drogen hinaus – die harten rücken
meist nur bei der Veröffentlichung der Zahl der Drogentoten
in den Vordergrund – sollte der Blick pädagogischer Fachkräfte
auch auf den Leistungsdruck und den Druck zur
Selbstoptimierung gelenkt werden: Beide steigen nicht nur
am Arbeitsplatz, selbst Kinder und Jugendliche sind ihnen
in den Bildungseinrichtungen ausgesetzt, Studierende an
Hochschulen ebenso. Die Sucht nach vermeintlicher Schönheit,
nach Effizienz, nach Aushalten von Arbeitsverdichtung und
nach scheinbarem Erfolg – die Liste ist lang. Wer sich den
Druck nicht zu eigen macht oder sich nicht resilient zeigt, gilt
schnell als schwach oder faul. Hier bietet sich der Alkohol
wieder als Kompensation an. Die Pharmaindustrie legt sogar
noch eins drauf und erfindet Krankheiten, die keine sind, aber
die eigenen ökonomischen Interessen bedienen. Mehr als 78
Mrd. Euro verdient sie jährlich über den sogenannten zweiten
Gesundheitsmarkt, auf dem u. a. Arzneimittel frei verkauft
werden.
Doch zurück zum Alkohol: Der Deutsche Brauer-Bund e. V.
meldet, dass er seit dem 20. September 2016, dem Weltkindertag,
nun auch Präventionsarbeit übernimmt. »Wir
wollen Kinder und Jugendliche wirksam vor dem Missbrauch
von Alkohol schützen. Das gilt für die Monate vor der Geburt
ebenso wie für die Phase des Heranwachsens. Ein Körper, der
wächst, verträgt keinen Alkohol«, heißt es auf der Internetseite
dazu. Ihre Facebook-Kampagne »Bier? Sorry. Erst ab 16« sehen
sie selbst allen Ernstes als einen Beitrag zum Jugendschutz an.
Wohl bekomms!

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