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GEW zum SchuljahresbeginnNeues Schuljahr, alte Vorzeichen?

Die GEW Bayern geht mit gemischten Gefühlen ins neue Schuljahr. Eine knappe Woche vor Schulbeginn scheinen die alten Vorzeichen auch weiterhin zu gelten.

08.09.2021

Sowohl hinsichtlich des Lehrkräftemangels als auch in Bezug auf den Gesundheitsschutz kritisiert die Bildungsgewerkschaft das Ausbleiben von wirkungsvollen Maßnahmen.

Dass das neue Schuljahr angesichts steigender Inzidenzen und einer prognostizierten vierten Welle erneut stark durch die Corona-Pandemie geprägt sein wird, ist wohl unstrittig. Aufgrund der ernüchternden Erfahrungen aus dem Distanzunterricht und den negativen Folgen für viele Kinder und Jugendliche setzt das Kultusministerium nun auf „vollen Präsenzunterricht“. Inzidenzabhängige Stufenpläne für Wechsel- oder Distanzunterricht gibt es jetzt keine mehr. Ein Blick nach Nordrhein-Westfalen zeigt jedoch schon kurze Zeit nach Beginn des Schuljahres, dass die Inzidenzen unter den Kindern und Jugendlichen ein Vielfaches der Inzidenz der erwachsenen Bevölkerung betragen. Auch wenn schwere Verläufe bei Kindern und Jugendlichen selten sind, muss alles getan werden, um sie bestmöglich zu schützen. So versprach Kultusminister Piazolo: „Daher tun wir beim Infektionsschutz an den Schulen alles, was machbar ist“ (Ende Juli in einem Brief an die Eltern).

Eine Woche vor Schuljahresbeginn scheint allerdings alles Machbare nicht viel Neues zu sein. Es bleibt zu Schulbeginn bei Maskenpflicht, auch am Platz. Dreimal in der Woche wird mit Antigen-Schnelltests getestet. In Grund- und Förderschulen mit entsprechenden Förderschwerpunkten sollen bis Ende September zuverlässigere und kindgerechte PCR-Pooltests die Schnelltests ersetzen. Wer geimpft ist, muss sich nicht mehr testen lassen. Und, obwohl seit über einem Jahr diskutiert, vehement gefordert und vor den Sommerferien von Ministerpräsident Söder versprochen, existieren in der Breite keine technischen Lüftungs- oder Luftfilteranlagen. Wichtigste Infektionsschutzmaßnahme wird auch weiterhin das Lüften bleiben.

Die Landesvorsitzende der GEW, Martina Borgendale, kann das nicht nachvollziehen: „Kinder unter zwölf sind die letzte Bevölkerungsgruppe, die nicht geimpft werden kann. Es liegt in unserer Verantwortung, sie mit allen zur Verfügung stehenden Maßnahmen zu schützen. Wir wissen immer noch zu wenig über die Langzeitfolgen von Covid-19. Der Ministerpräsident hatte mobile Luftfilter in jedem Klassenzimmer versprochen, die Kommunen aber mit unzureichender Förderung und vielen ungeklärten Fragen über Folgekosten, Rechtssicherheit und Art der Geräte allein gelassen. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass wir wieder vor einer ähnlichen Situation stehen wie im letzten Schuljahr. Es wird im Winter erneut kalt werden in den Klassenzimmern.“

Distanzunterricht steht zwar nicht zur Diskussion, dürfte aber angesichts des Standes der Digitalisierung auch weiterhin kaum qualitativ hochwertig umsetzbar sein. Immer noch wartet im Bildungsbereich ein Großteil der Beschäftigten auf Dienstgeräte, die datenschutzkonformes und mobiles Arbeiten ermöglichen. Das Kultusministerium rühmt sich mit dem in Kooperation mit dem Bund bereitgestellten „Sonderbudget Lehrerdienstgeräte“ in Höhe von 92,8 Millionen Euro und auch aus dem DigitalPakt Schule soll Geld fließen. Doch mit Geld allein ist es nicht getan.

„In erster Linie müssen in Absprache mit den Beschäftigten angemessene Geräte angeschafft werden, die den Anforderungen genügen. Dann ist es wichtig, alle Beschäftigten entsprechend zu schulen und die bereits erstellten Medienkonzepte an die Realität anzupassen. Die Geräte müssen außerdem genau wie die Schüler*innengeräte administriert, gewartet und in die Netzwerke eingebunden werden. Das können keine Lehrkräfte übernehmen, da braucht es neben den Systembetreuer*innen aus den Kollegien professionelle technische Administration. Systembetreuende Lehrkräfte benötigen die Kapazitäten, um sich um pädagogische und mediendidaktische Fragen zu kümmern. Und mit einer einmaligen Investition ist es hier auch nicht getan. Nach drei bis vier Jahren ist ein neues Dienstgerät nötig“, so Florian Kohl, stellvertretender GEW-Vorsitzender.

Die Lehrerbedarfsprognose vor den Sommerferien ließ lange auf sich warten. Und wenig überraschend – es herrscht weiterhin ein eklatanter Lehrkräftemangel an Grund-, Mittel- und Förderschulen in Bayern. Nachdem man im letzten Schuljahr die dienstrechtlichen Maßnahmen ausreizte und die Arbeitsbedingungen der Lehrkräfte insgesamt durch Stundenerhöhung, Einschränkung von Teilzeit, Abschaffung sämtlicher Sabbatmodelle und des vorzeitigen Ruhestandes verschlechterte, versucht man in diesem Schuljahr vor allem mit Quereinsteiger*innen die Lücken zu schließen. Diese sollen im Ganztag, in Randfächern wie Kunst, Musik oder Sport oder auch im vorschulischen Bereich Lehrkräftestunden ersetzen. Verantwortlich für die Stellenbesetzungen sind die eh schon am Rande ihrer Belastbarkeit stehenden Schulleitungen.

Dazu Martina Borgendale: „Man kann keine Lehrkräfte herzaubern, das ist klar. Aber es ist unsäglich, dass das Kultusministerium die Maßnahmen nicht als das bezeichnet, was sie sind: Krisenmanagement in einem maroden Bildungssystem, das den Anforderungen der heutigen Zeit nicht mehr gerecht wird. Der Lehrkräftemangel ist gemacht und das Kultusministerium hätte vor Jahren schon gegensteuern müssen. Leidtragende sind jetzt die Lehrkräfte und Schulleitungen, deren Arbeitsbelastung Jahr für Jahr weiter steigt, und letzten Endes vor allem Kinder und Jugendliche, die mit einem Verlust an Bildungsqualität rechnen müssen.“

Ihr Stellvertreter Florian Kohl ergänzt: „Wir brauchen eine öffentliche Diskussion über alle Strukturen, die unsere Kinder betreffen: Eine flexible und veränderte Lehrkräfteausbildung, multiprofessionelle Teams, vermehrt auch im Ganztag, und vor allem Kraft und Zeit auf Seiten der Kollegien, um Schulentwicklung vorantreiben zu können. Es darf kein „weiter so wie vor der Pandemie“ geben, denn die schulische Realität war auch da schon nicht gut genug für alle Kinder. Wir müssen weiterhin an ein Bildungsideal glauben, das allen Kindern gerecht wird und Arbeitsbedingungen schafft, in denen alle Beschäftigten gute, entsprechend entlohnte und sichere Arbeit leisten können.“