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CoronaGEW Bayern zur Erweiterung der Notbetreuung

Wir brauchen mehr Zeit, mehr Material und vielleicht erst einmal einen modellhaften Einstieg bei wenigen Trägern!

23.04.2020

Ab kommenden Montag soll die Notbetreuung in Kitas, Krippen, Horten, SVE (schulvorbereitenden Einrichtungen – die Kitas der Behindertenhilfe) und HPT (Heilpädagogischen Tagesstätten) erweitert werden. Es gibt keinerlei Vorerfahrung, daher muss die Ausweitung der Notbetreuung besser vorbereitet werden. Der Gesundheitsschutz der Kolleg*innen und der Infektionsschutz der Kinder muss an erster Stelle stehen, im Interesse aller Bürger*innen.

Wenn nun der Notbetrieb in der frühen Bildung und Erziehung erweitert wird, sind viele Dinge in bisher nie dagewesener Weise zu bedenken. „Vorerfahrungen haben wir praktisch keine, das kann nicht mit anderen Krankheitserregern verglichen werden“, bekräftigt Hilger Uhlenbrock, Mitglied im Vorstand der Landesfachgruppe der sozialpädagogischen Berufe der GEW Bayern. Im Sozialministerium erarbeitet ein Expert*innengremium derzeit konkrete Pläne und Empfehlungen für die Träger. Die GEW Bayern ist gespannt und skeptisch. „Unsere Expert*innen haben jahrzehntelange Erfahrung in der Bildungsarbeit mit Kindern und sie sind sich einig: Distanzhalten im Alltag ist eine Illusion“, verdeutlicht Hilger Uhlenbrock die Expertise der GEW.

Wenn nun kein Abstand von 1,5 Metern eingehalten werden kann, dann ist die arbeitsschutzrechtliche Lage anhand dieser Vorgabe zu beurteilen. Hubertus Heil hat mit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung Vorgaben erarbeitet, die nun geltende Standards sind. Der Sicherheitsabstand von mindestens 1,5 Metern solle universell auch bei der Arbeit eingehalten werden, und zwar sowohl in Gebäuden als auch im Freien. Gelingt dies nicht, muss der Arbeitgeber einen Mund-Nase-Schutz bereitstellen, so wie wir es z.B. von Baumärkten kennen. Von kommender Woche an wird er zur Pflicht in allen ÖPNV und Läden, aber nicht in der Kita. Da den Kindern sicher keine Maske verordnet werden kann, ist aus Sicht der GEW kein praktikabler Schutz vor Infektionen in den Einrichtungen möglich. Es gibt nach den Recherchen der GEW auch keine wissenschaftlich fundierten Erkenntnisse, die hier irgendeinen andern Schluss zulassen.

„Bei Kolleg*innen, die kleine Kinder auf den Schoß nehmen müssen, wie es besonders in Krippen alltäglich ist, wäre zudem auch über Schutzbrillen nachzudenken“, führt Mario Schwandt, Gewerkschaftssekretär der GEW aus. Bei entsprechenden Vorerkrankungen sei an eine Arbeit ohne FFP3-Masken nicht zu denken, erläutert er. „Eine Kolleg*in mit starkem Asthma oder einer anderen Lungenerkrankung muss sich nun besonders schützen können, dafür trägt der Arbeitgeber die Verantwortung und Haftung. Die entsprechenden Gefährdungsbeurteilungen müssen aktuell angepasst werden und die Betriebsärzt*innen auch im Einzelfall beraten und Maßnahmen definieren“, erläutert er. Ohne eine an Corona angepasste Gefährdungsbeurteilung sei die Haftungsfrage im Schadensfall schnell zulasten der Arbeitgeber zu sehen.

Falls all dies nicht gewährleistet werden könne, würden Kitas schnell zu „Virenschleudern“ werden. „Wir können nur hoffen, dass die Epidemiolog*innen hier gute Modelle haben und das Sozialministerium gut beraten haben, Expert*innen sind wir dafür ja nicht. Was wir aber schon mitbekommen, ist, dass in einzelnen Kitas ab Montag fast alle Kinder wieder betreut werden müssen. So gibt es Großbetriebe der kritischen Infrastruktur wie Molkereien in ländlichen Gegenden, wo fast alle Mitarbeiter*innen ihre Kinder in wenigen Kitas haben. Dort sind die Gruppen ab Montag fast wieder voll, wenn alle Eltern ihre Rechte nutzen“, verdeutlicht Mario Schwandt, Gewerkschaftssekretär der GEW.

 

Weitere wichtige Punkte, falls die Notbetreuung erweitert wird, sind:

  • Kein Einsatz von Mitarbeitenden aus Risikogruppen! 29 Prozent der Fachkräfte sind aktuell älter als 50 Jahre, in 22 Prozent der Kita-Teams ist mindestens die Hälfte des Personals in diesem Alter
  • Betreuung in Kleingruppen von maximal 5 Kindern
  • Betreuung durch konstante (getrennte) Teams, um unnötige Kontakte zu vermeiden
  • Anpassung der Betreuungsangebote an die Schutzmaßnahmen: Viel nach draußen gehen, auch Waldspielplätze bei gutem Wetter nutzen (was erlaubt werden muss), Turnhallen, abgelegenere Spielplätze
  • Ausreichend Schutzmaterial in professioneller Qualität, auch Desinfektionsmittel, Brillen, Masken
  • Aufgestocktes Personal, damit die Kinder beim Händewaschen, Toilettengang, etc. begleitet werden können

Die GEW ist abschließend der Ansicht, dass ohne wissenschaftliche Grundlage die Erweiterung in Kitas auf keinen Fall ohne Modellprojekte und systematische Auswertung der Erfahrungen stattfinden darf.