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"Sei dennoch unverzagt, gib dennoch unverloren ..."

Hannes Henjes ist Mitglied der DDS-Redaktion, Gymnasiallehrer im "Unruhestand"

02.06.2007 - Hannes Henjes

Wer über gewisse Dinge seinen Verstand nicht verliert, hat keinen zu verlieren«, heißt es bei Lessing. Es kann aber auch anders sein, nämlich so, dass jemand gar keine oder nur wenig Zeit hat, über »gewisse Dinge« nachzudenken, und deshalb vor dem Verlust seines Verstandes bewahrt bleibt. Vielleicht versucht er oder sie aber auch mit aller Kraft, an bestimmte »Dinge« erst gar nicht zu denken oder über sie hinweg oder an ihnen vorbei zu sehen, um den Verstand nicht in Gefahr zu bringen. Dann mag es ihm oder ihr eventuell gelingen, in einer Welt der Gewalt, der Habgier, der Unvernunft, der Ungerechtigkeit zu leben, ohne verrückt zu werden. Hat aber jemand genügend Zeit, also auf irgendeine Weise einen beträchtlichen Zeitgewinn gemacht und keine Übung im Wegschauen und halten ihn keine notwendigen Tagesgeschäfte vom Hinschauen ab, was dann? Ja, was dann? Angesichts »gewisser« Sachen, über die er oder sie in den Zeitungen liest, von denen man/frau im Radio hört oder die wir im Fernsehen mit ansehen?

Gewisse Sachen sind für mich unter anderem das Dauerprogramm der Gegenaufklärung, das sich unter dem zynischen Motto »Bild Dir Deine Meinung« tagtäglich scheinbar wie von selbst in die Medien einspeist und uns suggeriert, wir lebten in der »besten der möglichen Welten«. Wie reagiert unser Gehirn, derart »gewaschen«, auf die Ausplünderung unseres Planeten, die Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen, die drohende Unbewohnbarkeit der Erde? Was sagt unser Verstand zu der Ausnutzung, Ausbeutung oder gar Versklavung wehrloser Menschen durch die Wirtschaftseliten und politischen Klassen in allen Staaten der Welt? Nimmt er noch auf, dass weltweit über eine Milliarde Menschen in absoluter Armut leben? Dass 14 Millionen Kinder jährlich verhungern? Was ist seine Antwort auf die mehr als eine Milliarde Menschen ohne Arbeit? Wie malen sich in unserem Kopf die beispiellosen Raubzüge hochgerüsteter Länder gegen militärisch von vornherein hoffnungslos unterlegene Völker? Die Menschenjagden an den Grenzen der Wohlstandsterritorien?

Ja, um die Frage wieder aufzunehmen, was dann?  Angesichts solcher »Dinge«? Ich habe mich nach Menschen umgesehen, die sich der Welt, wie sie ist, stets ausgesetzt und die dabei ihren Verstand nicht nur nicht verloren, sondern sogar noch geschärft haben. Einer von ihnen hat seinen Zeitgewinn für eine philosophische Analyse des »Diesseits« genutzt. Im vergangenen Jahr ist er hundertjährig gestorben. »Grundlagen einer Philosophie des Diesseits« heißt das kleine Buch, das er uns hinterlassen hat. Sein Name: Herbert Enderwitz. Er gehört zu den unvergesslichen Persönlichkeiten der GEW Hessens und des Bundes.

Wir lesen im Vorwort: »Das Buch wendet sich an alle, die sich um die Zukunft der Erde und das Leben auf ihr sorgen, an alle, die nach einem Lebenssinn suchen, an alle, die bereit sind, dem Auftrag, der uns aus dem Gang der Evolution, der Geschichte der Erde und des Lebens erwächst, zu folgen, dem ›Aufstieg der Menschen‹ zu einer friedlicheren, gerechteren, in summa ›menschlicheren‹ Lebensform zu dienen.« Und ganz in diesem Sinne vertraut En-derwitz auf die schöpferischen Kräfte im Menschen, ohne jedoch die »Katastrophen«, »Brände der Vernichtung« und »Konflikte, die unseren Zukunftshorizont verdüstern«, auszublenden. »Aufklärung« in einem umfassenden Sinn und die weltweite Solidarität der jeweiligen »Stillen im Lande« lassen ihn hoffen, dass wir der möglichen Selbstvernichtung entgehen. Deshalb setzt er nicht auf die eine große Revolution, sondern auf die Überwindung des Raubtierkapitalismus durch die sanfte Weiter- und Höherentwicklung des Menschen, wie sie in der Überwindung archaischer Lebensformen, in den zahlreichen schriftlich überlieferten Akten der Menschlichkeit sowie in deren ungeschriebener Geschichte erfahrbar geworden sind.

An einer anderen Stelle schrieb dieser große »Stille im Lande«, der mir allerdings überhaupt nicht still durch seine kämpferischen Reden bekannt wurde: »Skeptizismus, Pessimismus oder gar Verzweiflung sind in unserer Lage keine guten Ratgeber, Hoffnung, Mut, Kraft und Unverzagtheit sind gefordert.« Herbert Enderwitz meint jeden einzelnen von uns, aber wir sollen uns bewusst werden, dass wir viele sind, viele, die einander im Denken verwandt sind, die »laut« werden und ihre Stimme erheben müssen. »Sein Unglück und sein Glücke ist ihm ein jeder selbst«, dichtete Paul Fleming vor mehr als 350 Jahren. Bezogen auf den Menschen schlechthin, heißt das, wir haben es in der Hand, was aus unserer Welt wird. Es gibt also keinen Grund, angesichts »gewisser Dinge« verrückt zu werden.

 

Das Buch: Herbert Enderwitz, Grundlagen einer Philosophie des Diesseits. Überlegungen zu Herkunft und Zukunft des Menschen. Dokumente und Analysen zur Zeitgeschichte,  Band 5. Weinheim und München 2000

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