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UngerechtigkeitenSchule daheim: Prüfungen und digitaler Notunterricht

Wie wirken sich die Schulschließungen auf die Prüfungen aus? Verschärft die derzeitige Verlagerung des Unterrichts in die Familien die Bildungsunterschiede?

30.03.2020

Bei der Frage nach den Abschlussprüfungen steht das Abitur, das „Herzstück“ des bayrischen Schulsystems, immer im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung. Auch mit dem Coronavirus änderte sich daran nichts. Und ja, die Schulschließung und ihre weiteren Folgen sind für die Schüler*innen des diesjährigen Abiturjahrgangs eine Katastrophe. Lernen braucht Planung. Doch gerade dies ist derzeit nicht möglich.

Nicht nur im Gymnasium gibt es Prüfungen

Gleichzeitig ärgert mich diese Schwerpunktsetzung, denn die Sorgen und Ängste der Prüflinge an Real-, Mittel- und Berufsschulen kommen in der öffentlichen Diskussion wieder einmal viel zu kurz. Viele von ihnen bereiten sich z. B. gerade auf den qualifizierenden Abschluss vor. Sie wissen, dass ihre Bedingungen schon vor Corona schwer waren, mit Corona verschärfen sie sich noch, denn diesen Jugendlichen fällt es schwerer, sich allein ohne Schulstruktur auf Prüfungen vorzubereiten.

Nein, es ist nicht schön, in diesem Jahr eine Prüfung schreiben zu müssen.[i] Auch wenn die Pandemie uns alle kalt erwischt hat und auch ich nicht in der Haut der Entscheidungsträger*innen stecken möchte, ist nun ein kühler Kopf gefragt. Mit Sicherheit lassen sich Wege finden, wie die Prüfungen über längere Zeiträume und notfalls auf mehr Unterrichtsräume verteilt werden können. Denn es wäre wichtig, sobald wie möglich einen verbindlichen Terminplan für die nächsten Wochen festzulegen. Gleichzeitig sollte schon jetzt für den Fall, dass der Plan doch nicht eingehalten werden kann, über andere Prüfungsformate nachgedacht werden. Auch die Frage, ob Ansprüche und Inhalte vielleicht reduziert werden sollten und ob die Vorbereitungszeit ausreichend ist, gilt es zu beantworten.[ii]

Digitaler Notunterricht verschärft Ungerechtigkeiten

Neben den Prüfungen ist die steigende Chancenungerechtigkeit durch die Verlagerung des Unterrichts in die Elternhäuser unserer Schüler*innen ein weiterer Aspekt, der in den Zeiten von Corona eigentlich ins Auge stechen müsste und trotzdem kaum beachtet wird. Sollte es daran liegen, dass diese Ungerechtigkeit, die bereits im mehrgliedrigen Schulsystem strukturell angelegt ist, sich inzwischen in den Köpfen aller als unumstößlich breit gemacht hat?  

Schon am vorläufig letzten Schultag, am Freitag den 13. März, beschlich mich ein ungutes Gefühl. Gegen acht Uhr sickerte bei den Schulleitungen durch, dass ab Mittag die Schulen geschlossen würden und ein anschließendes Betreten durch die Schülerinnen und Schüler verboten sei. Möglichst rasch und ohne Panik auszustrahlen, versuchten wohl die meisten Schulleitungen und Lehrkräfte ihre Kinder und Jugendlichen über diesen Schritt zu informieren. Gleichzeitig wurde vielen von uns schlagartig klar, dass viele unserer Schüler und Schülerinnen in uns Lehrkräften wichtige Partner*innen sehen, mit denen sie sich gerne über ihre Ängste und Sorgen in Zeiten von Corona austauschen möchten. Und so versuchten sicher die meisten Lehrkräfte ihnen neben den notwendigen Büchern und Heften auch noch ein paar Informationen mitzugeben, wie sie sich in den kommenden Wochen sinnvoll über die Pandemie informieren können, ohne sich ständig den überbordenden Informationen vieler Fernseh- und Internetberichte auszusetzen.

Daraufhin entließen wir sie nach Hause. Es sind die weniger privilegierten Schüler*innen, die nun in oftmals viel zu kleinen Wohnungen, teilweise in Konstellationen zusammenleben müssen, die nur bedingt dem Kindeswohl entsprechen. Gewalttätige Eltern oder Geschwister, Missbrauch von Alkohol oder anderen Substanzen, unbehandelte psychische Erkrankungen etc. erschweren das Leben vieler unserer Schüler*innen bereits im herkömmlichen Alltag. Ein Lernen unter den diesen Umständen ist nicht möglich.

Aber auch in den vielen „heilen“ Familien, in denen die Kinder Liebe und Geborgenheit erfahren, wirkt sich ein niedrigerer sozioökonomischer Status erschwerend auf die Lernbedingungen aus. Etliche Berufsgruppen wie Reinigungskräfte oder Handwerker*innen sind von einer Notfallbetreuung ausgenommen. Sie sind aber dringend darauf angewiesen, ihren Beschäftigungen, solange es möglich ist, nachzugehen – trotz Elternschaft. Damit fehlt ihren Kindern die Unterstützung beim Lernen, die finanziell besser gestellte Familien eher leisten können.

Gerade Grundschullehrkräfte, aber auch Kolleg*innen der weiterführenden Schulen betonen, dass nun Unterstützung durch die Eltern notwendig ist. Wie soll dies gelingen, wenn Eltern die deutsche Sprache noch nicht gut beherrschen oder von existenziellen Sorgen erschüttert werden, weil das befristete Arbeitsverhältnis von heute auf morgen einseitig vom Arbeitgeber aufgelöst wurde?

Da hilft es auch nicht weiter, dass die meisten Lehrkräfte im Zuge des digitalen Notunterrichts gerade sehr viel, in rasendem Tempo und auf eigene Kosten leisten. Viele versuchen über Internetplattformen Videokonferenzen und Ähnliches abzuhalten, um die so wichtige Verbindung zu ihren Schüler*innen nicht abreißen zu lassen. Unterschiedliche digitale Ausstattungen manifestieren auch hier die Chancenungleichheit: Drucker, die nicht zur Verfügung stehen oder nicht funktionieren, eine niedrige Rate bei der Datenübertragung – scheinbare Kleinigkeiten, die ein Abarbeiten der gesendeten Inhalten und Aufgaben schwierig bis unmöglich machen und in ihrer Gesamtheit eine große Hürden darstellen und Ungleichheit zementieren. Dies alles geschieht jenseits der Sondersendungen und finanziellen Hilfspakete, wird aber Biografien beeinflussen.

Die Situation lässt sich im Augenblick wohl nicht ändern. Es gilt aber, diese unterschiedlichen Bedingungen während der Zeit des digitalen Notunterrichts und des Erstellens von Prüfungsaufgaben zu berücksichtigen. Hinsichtlich der Prüfungen gleich welcher Schulart sollte das während der Corona-Krise neu eingeführte Wissen auf keinen Fall als bereits „vermittelt“ vorausgesetzt werden.

Konsequenzen aus dem Notunterricht

Nach der akuten Krise muss darauf hingewirkt werden, dass der Unterschied zwischen armen und reichen Menschen weder auf den Vor-Corona-Status-Quo zurückfällt noch weiter auseinanderklafft. Eine bildungspolitisch große Herausforderung, da ihr wohl zahlreiche, existenzielle Notlagen der Familien gegenüberstehen werden. Trotzdem muss die Schere endlich geschlossen werden. Dafür braucht es eine Gesellschaft, die sich auch in ruhigen Zeiten ihrer Verantwortung bewusst ist. Es braucht aber auch mutige, politische Entscheidungen, die nicht nur in Krisenzeiten getroffen werden, um Härten auszugleichen. Es ist an der Zeit, Gelder so umzuverteilen, dass nicht nur das Gesundheitssystem, sondern auch das Bildungssystem verlässliche Größen der Gesellschaft werden, die allen Menschen gleichermaßen zustehen.

Die Schulschließungen zeigen, wie wichtig Schule ist, um Chancenungleichheiten auszugleichen. Der Digitalpakt für Schulen ist das eine, eine staatliche Unterstützung für schwächere Familien, um auch zu Hause die notwendigen technischen Geräte anschaffen zu können, ist das andere. Zudem muss der Ausbau einer pädagogisch und personell durchdachten und gut ausgestatteten ganztägigen Schule für alle zukünftig Priorität haben, um mehr Chancengerechtigkeit zu erreichen. Geld für all das ist da.[iii]

von Christiane Wagner

Mitglied der LFG Grund- Mittel- und Förderschulen und Konrektorin einer Mittelschule

 


[i] Dies trifft auch auf die vielen zukünftigen Kolleg*innen zu, denen wenige Tage vor dem Staatsexamen erst die Bibliotheken geschlossen wurden, um dann das gesamte Staatsexamen abzusagen. Wann die Prüfungen nachgeholt werden und wie viel Vorlauf die Studierenden dafür bekommen, weiß derzeit niemand.

[ii] Zum Zeitpunkt der Drucklegung dieser DDS, waren diese Fragen noch offen. Sollten sie inzwischen beantwortet sein, hoffe ich, dass dies zugunsten der Schüler*innen geschah.

[iii]So berichtete am 25. März 2020 die Süddeutsche Zeitung, dass die Familien Porsche und Piech 2019 476 Millionen Euro Dividende bekamen und diese wohl auch 2020 trotz Corona nicht wesentlich geringer ausfallen wird. Gleichzeitig beantragte Porsche Staatshilfen für die Kurzarbeit der Beschäftigten. Vgl. auch Martin-W. Buchenau: Porsche beantragt wegen Coronakrise Kurzarbeit; handelsblatt.com v. 20.3.2020

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