GEW Bayern
Du bist hier:

Erziehung zur MündigkeitOffener Brief der GEW an die Leitungen von Krippen Horten und Kitas

Haltung zeigen ist im pädagogischen Alltag in Kitas wichtiger denn je. Die GEW informiert und klärt auf, was bei menschenverachtenden Einstellungen und Handlungen sowie antidemokratischen Tendenzen getan werden kann.

07.10.2019

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

die Ankündigung der AfD, in mehreren Bundesländern eine Denunziationsplattform gegen Lehrkräfte zu schalten, hat bei der GEW, bei Kolleginnen und Kollegen, bei Demokratinnen und Demokraten zu Recht zu einem Aufschrei, zu Protesten und Gegenreaktionen geführt. Allen, die sich bei uns gemeldet haben, und allen, die sich gegen diese Plattform und ihre Ziele engagieren, danke ich auf diesem Wege ausdrücklich.

Auch und ganz besonders in Kindertagesstätte, Krippen und Horten geht es um Vielfalt, Demokratieerziehung und die Vermittlung grundlegender Fähigkeiten wie Empathie und Toleranz, ohne die Demokratie nicht funktioniert. Aus diesem Grund wenden wir uns an Sie mit der klaren Haltung:

Vielfalt, Partizipation, Demokratie und Menschenrechte statt Ausgrenzung, Einheitlichkeit und Gesinnungsschnüffelei

Ausgerechnet die AfD spielt sich gerne als Hüter der „politischen Neutralität“ an den Bildungseinrichtungen auf, und fordert dabei selbst Ausgrenzung und Einheitlichkeit. Inklusion und Migration lehnen sie kategorisch ab. Außerdem würden Kinder am besten in Familien mit traditionellen Geschlechterrollen aufgehoben sein. Ihre politische Stoßrichtung formulieren sie klar und deutlich: Vielfältige Lebensweisen, also die der Alleinerziehenden, Patchworkfamilien oder Regenbogenfamilien etc. würden dem „Erhalt des eigenen Staatsvolkes“ entgegenstehen. Pädagog*innen sollen „neutral“ sein. Dass ihre Positionen alles andere als „neutral“ sind, verschweigen sie geflissentlich!

Erfreulich klar ist die Gesetzeslage. „Das pädagogische Personal in Kindertageseinrichtungen soll alle Kinder entsprechend der Vielfalt des menschlichen Lebens unterschiedslos in die Bildungs- und Erziehungsprozesse einbinden und jedes Kind entsprechend seinen Bedürfnissen individuell fördern“ (Art. 11 BayKiBiG). Der Bayerische Bildungs- und Erziehungsplan (BEP) erkennt an, dass schon in der frühen Kindheit die Grundlagen für Demokratie gelegt werden. „Die Tageseinrichtung steht in der besonderen Verantwortung, Kinder auf das Leben in einer demokratischen Gesellschaft vorzubereiten“ (ebd. S. 53).

Demokratie beginnt schon in der Kita. Pädagog*innen in der Kita verstoßen nicht gegen ein angebliches Neutralitätsgebot, wenn sie den „Umgang mit individuellen Unterschieden und soziokultureller Vielfalt“ fördern, wie ihn der Bildungsplan fordert. Kinder profitieren von Unterschiedlichkeit, verschiedenen Sprachen, Religionen, Familienmodellen, Ernährungsgewohnheiten etc. Sie bieten ein breites Lern- und Erfahrungsfeld. Es überfordert Kinder nicht, wenn sie vielfältige Lebensentwürfe kennenlernen, im Gegenteil, sie leben bereits in einem dieser Entwürfe und es bereitet sie auf das Leben vor.

Erzieher*innen machen daher auch nichts falsch, wenn sie ihre Standpunkte gegenüber den Kindern vertreten, wenn diese bspw. andere diskriminieren, also nicht tolerant sind. Sie stehen sogar in der Verantwortung, Ausgrenzung entwicklungs- und altersangemessen zu begegnen. Es gibt kein Toleranzgebot der Intoleranz gegenüber. Es ist wichtig, dass Kinder die Kita als einen Ort der Mitbestimmung und Gleichberechtigung erleben. Es darf alles gesagt werden, es darf mitverhandelt werden, es darf diskutiert werden, es darf aber auch kritisiert werden und Empathie mit den Ausgeschlossenen gefördert und gezeigt werden. Nur so lernen Kinder Verantwortung und Selbstwirksamkeit und werden ermutigt, verantwortungsfähige und mündige Bürger*innen zu werden.

Wir stehen solidarisch an der Seite der Kolleg*innen in den Kitas und Horten. Ich ermutige alle, Zivilcourage zu zeigen und sich für Vielfalt und Menschenrechte einzusetzen. Wir haben guten Grund, die Aktivitäten der AfD zum Anlass zu nehmen, selbstbewusst und kompetent unsere Arbeit zu machen und uns nicht einschüchtern zu lassen. Als Gewerkschaft verstehen wir uns als Stütze bei Angriffen von rechts und bieten allen Betroffenen Information und Beratung an.

Die Stiftung „Internationale Wochen gegen Rassismus“ hat zusammen mit der GEW Materialien zu antidiskriminierender Bildungsarbeit in Kitas herausgegeben, mit sehr guten Hinweisen für die alltägliche Praxis.

Eine Sammlung mit hilfreichen Links finden Sie hier.

Mit kollegialen Grüßen

Anton Salzbrunn

Vorsitzender GEW Bayern

Zurück