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InterviewLehrkräfte im Nationalsozialismus

Nicht nur über Jurist*innen und die Ärzteschaft konnte das Nazi-Regime seine Ideologie in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens verankern. Auch Pädagog*innen stellten eine Berufsgruppe dar, die dem faschistischen System nutzte.

08.10.2019

Welche Rolle erziehungswissenschaftliche und pädagogische Zeitschriften bei der Ideologisierung spielten und in welchen Verbänden sich Lehrkräfte in dieser Zeit organisierten, untersuchte Saskia Müller (Foto), Diplom-Pädagogin und Doktorandin in der Forschungsstelle NS-Pädagogik im Fachbereich Erziehungswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt, in ihrer Promotion zum Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB). Ute Schmitt sprach mit ihr darüber.

DDS: „Die ideologische Ausrichtung der Lehrkräfte 1933-1945“ heißt das Buch, das Du, zusammen mit Benjamin Ortmeyer, 2016 veröffentlicht hast. Waren Lehrerinnen und Lehrer besonders anfällig für die Ideologie des Nationalsozialismus (NS)?

Saskia Müller: Die große Mehrheit der Lehrkräfte hatte eine enge Bindung an den Staat. Bereits in den 70er- und 80er-Jahren wurde festgestellt, dass diese Berufsgruppe nicht aufgrund von Arglosigkeit und Verführung zum NS überlief, sondern weil sie mehrheitlich das Interesse teilte, mit den Nazis einen starken Staat zu errichten. Ihre Berufsverbände, in denen sie zu 90 Prozent organisiert waren, boten mit ihrer inhaltlichen Ausrichtung ideologische Anknüpfungspunkte. Ein spürbarer Rechtsruck innerhalb der Lehrkräfte vollzog sich 1932 im Kontext von Krise und Notstandsverordnungen – trotz ihrer vergleichsweise guten Absicherung durch die sozialen Kassen in ihren Organisationen. Der größte Verband, der Deutsche Lehrerverein (DLV), fand bereits im Mai 1932 keine Mehrheit mehr für ein aktives Eintreten für die Demokratie und gegen die drohende Diktatur. Der Philologenverband arbeitete ohnehin aktiv an der Auflösung der Weimarer Republik mit. Ein Problem war auch, dass der DLV einen Neutralitätskurs verordnete – den es selbstverständlich nicht geben konnte – und damit vor allem die Opposition neutralisierte und für die eigene Eingliederung ins NS-System sorgte. Während die sozialistischen und demokratischen Organisationen 1933 zerschlagen wurden, hatten die großen Verbände der Lehrkräfte durchaus Spielräume, die sie mehrheitlich nicht nutzten. Stattdessen verhielten sie sich – mit wenigen Ausnahmen – im Übergang von der Weimarer Republik in den NS anbiedernd bis zustimmend angesichts der anstehenden Machtübernahme. Die Vereine zeigten auch keine Skrupel, Satzungsänderungen aufzunehmen, die jüdische Mitglieder sowie die wegen sogenannter politischer Unzuverlässigkeit entlassenen Personen ausschlossen. Die Eingliederung der Lehrkräfte in den NS-Lehrerbund ab 1933 setzte den am Ende der Weimarer Republik eingeschlagenen Weg der großen Berufsverbände fort. Es war also nicht in erster Linie das plötzliche Ergebnis von Druck und Gewalt, sondern ein seit 1929 kontinuierlicher Prozess.

Niemand musste Mitglied im Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB) werden. Welche Formen des Widerstands oder der Verweigerung waren Lehrkräften möglich, die sich nicht im NSLB organisierten?

Saskia Müller: Es gab abweichendes Verhalten und Widerstand Einzelner im Alltag. 1937 waren nur 3 Prozent der Lehrkräfte nicht Mitglied im NSLB. Es ist nicht erforscht, ob einzelne oppositionelle Lehrkräfte trotzdem eine NSLB-Mitgliedschaft besaßen. Im Alltag boykottierten sie Vorschriften, wehrten sich gegen ideologische Schulungen und gegen die rassistische und antisemitische Durchdringung des Schulwesens. Sie schützten jüdische Schülerinnen und Schüler, unterstützten oppositionelle Jugendliche oder zeigten sich solidarisch mit verfolgten Kolleginnen und Kollegen. Lutz van Dijk kam in seiner Untersuchung von Biografien oppositioneller Lehrkräfte auf zwei Aspekte, die die befragten Personen – im Gegensatz zu vielen anderen – gemein hatten: Fähigkeit zur Empathie und Verantwortungsübernahme für das eigene Handeln trotz möglicher persönlicher Nachteile.

Im Exil gab es verschiedene Berufsverbände, wie den Verband Deutscher Lehreremigranten/Union des Instituteurs Allemands Emigrés, die Sozialistische Erziehungsinternationale und die Reichsvereinigung deutscher sozialdemokratischer Lehrer in der damaligen Tschechoslowakei. Sie bauten in verschiedenen Ländern Schulen auf als Zuflucht für die emigrierten Kinder, klärten die Öffentlichkeit auf, leisteten Solidaritätsarbeit mit verfolgten Kolleginnen und Kollegen und planten ein neues Bildungs- und Erziehungswesen für ein befreites Deutschland. Es sind aus diesen Reihen auch zahlreiche Schriften über die NS-Pädagogik und das Verhalten der Lehrkräfte in Deutschland entstanden. Insbesondere Hildegard Feidel-Mertz und Hermann Schnorbach ist es zu verdanken, dass diese verdrängte Pädagogik nicht in Vergessenheit geraten ist.

Deine Promotionsarbeit ist eine „dokumentarische Analyse“ der zentralen Mitgliederzeitschrift[i] des NSLB. Was waren die Hauptthemen dieser Zeitschrift?

Saskia Müller: Das Zentralorgan des NSLB war eine zutiefst rassistische und judenfeindliche Zeitschrift, die sich taktisch den Entwicklungen des NS-Systems und tagesaktuellen Ereignissen anpasste und sie propagandistisch für die Pädagoginnen und Pädagogen aufbereitete. Vielfach entsprach der vulgär-antisemitische Ton durchaus dem „Stür­mer“. Die wesentliche Funktion der Zeitschrift war die ideologische Schulung der Pädagoginnen und Pädagogen. Sie entsprach in allen wesentlichen Punkten den zentralen ideologischen Vorgaben des NS-Staates. Diese wurden mit (schul-)pädagogischen Fragestellungen verbunden, bspw. der Vermittlung der Rassenideologie im Unterricht.

Populist*innen und Rechtsextreme versuchen aktuell, in der Bildungspolitik Themen zu besetzen und Einfluss zu gewinnen. Aufsehen erregten AfD-Onlineportale, die Schüler*innen aufriefen, Lehrkräfte zu denunzieren. Im März dieses Jahres griff die Hamburger AfD direkt an, indem sie Lehrkräfte und Schulleitung der Ida Ehre Schule verfassungsfeindlicher linksextremistischer Aktivitäten beschuldigte[ii]. Vor dem Hintergrund Deiner Studie: Welche Formen der Ab- und Gegenwehr hältst Du für wichtig? Siehst Du historische Parallelen?

Saskia Müller: Denunziationen, Hetze und das bewusste Einsetzen von Lügen zur gesellschaftlichen Einflussnahme sind Mittel, derer sich auch die Nazis bedienten. Von daher ist hier durchaus eine Parallele zum Vorgehen der Nazis bei der Etablierung ihrer Macht am Ende der Weimarer Republik zu sehen. In diesem Sinne wäre Aufklärung über diese wirksamen Methoden ein wichtiger Schritt sich dagegen zu wappnen. Hier wäre auch die Frage zu stellen, vor welchem Hintergrund es der AfD gelingt mit Begriffen wie Linksextremismus aufzuschrecken, wenn Antifaschismus diffamiert und als illegitim dargestellt werden soll.

Ich habe den Eindruck, das Wissen um die Indoktrination und Manipulation durch die Lehrkräfte in der NS-Zeit und die fehlende Auseinandersetzung mit diesem Grundproblem von Pädagogik hat zu der Hemmung geführt, sich überhaupt politisch zu positionieren, so als würde dies eine vermeintliche Neutralität verletzen. In der Konsequenz verhindert dies auch, dass man sich mit den Angegriffenen solidarisiert, was aber ein sehr wichtiger Aspekt der Gegenwehr ist. In diese Kerbe schlug auch die AfD mit ihrem Denunziationsaufruf. Im Gegenteil muss es gerade darum gehen, gesellschaftlich einen Standpunkt zu beziehen, es nicht hinzunehmen und sich gemeinsam und solidarisch gegen derartige Einschüchterungsmaßnahmen zu wehren, auch wenn erstmal nicht die eigene Person davon betroffen sein sollte.

Der GEW-Hauptvorstand gab 2017 ein wissenschaftliches Forschungsprojekt an ein Historikerteam zur Aufarbeitung der eigenen Geschichte in Auftrag. Mit Ergebnissen wird für 2020 gerechnet. Was sollte aus Deiner Sicht dabei besonders beachtet werden?

Saskia Müller: Ein Problem ist, dass in der Auseinandersetzung über das Verhalten der Lehrkräfte oftmals nur der Druck und Terror hervorgehoben wird. Dahinter verschwindet, dass die Lehrkräfte eine bereitwillige Stütze des NS-Systems waren. Vor diesem Hintergrund kann der NSLB nicht einfach als Zwangsorganisation bezeichnet werden, die 1933 plötzlich auf die pädagogischen Verbände zukam und sie enteignete. Das ist eine Legendenbildung, um sich im Nachhinein der Verantwortung zu entziehen. Im Fokus sollte ihre aktive Eingliederung stehen. Die Mitgliedschaft im NSLB muss als Zugehörigkeit zu einer verbrecherischen Organisation bewertet werden, die Teil des ausgeklügelten Herrschaftssystems war. Und die meisten Lehrkräfte, die in der Weimarer Republik in den pädagogischen Verbänden und ab 1933 im NSLB – und zu einem Drittel auch in der NSDAP – organisiert waren, waren nach 1945 wieder in den Schulen tätig und wurden Mitglieder der GEW. In diesem Sinne geht es um eine selbstkritische Betrachtung des eigenen Berufsstandes, wie sie Heinrich Rodenstein bereits 1974 angemahnt hatte. Und dementsprechend kann meines Erachtens auch Max Traeger, der NSLB-Mitglied war und bei der Eingliederung der Hamburger Lehrkräfte half, heute nicht als Vorbild gelten[iii]. Ich denke, dass diese Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte auch dazu beitragen würde, mit entschiedener Haltung heutigen antidemokratischen und rechten Kräften entgegenzutreten.

Saskia, wir danken Dir für das Gespräch. Viel Erfolg für Deine weitere Arbeit.

Saskia Müller, Benjamin Ortmeyer: Die ideologische Ausrichtung der Lehrkräfte 1933–1945. Herrenmenschentum, Rassismus und Judenfeindschaft im Nationalsozialistischen Lehrerbund. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 160 Seiten. 19,95 Euro.

 


[i] Die Zeitschrift hieß ab 1929 „Nationalsozialistische Lehrerzeitung“ (NSLZ), dann ab Juli 1933 „Reichszeitung der Deutschen Erzieher“ (RZDE), in der Folge ab April 1938 bis 1945 dann „Der Deutsche Erzieher“ (DDE).

 

[ii] Vgl. gew-hamburg.de/themen/bildungspolitik/der-fall-ida-ehre sowie DDS 7-8/2019, S.12

[iii] Zur Auseinandersetzung um Max Traeger: gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/emotionen-und-hypothesen-gew-ringt-um-umgang-mit-ns-historie

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