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Gewerkschaften - wohin?

Ein Kommentar von Professor Oskar Negt, Hannover

11.10.2007

Wenn es um die Zukunft der Gewerkschaften geht, sind vier Handlungsfelder zu nennen:
Ich meine, dass die Gewerkschaften einen zu engen, traditionellen Begriff von Arbeit, einen kapital- oder betriebsfixierten Begriff von Arbeit haben. In der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation gibt es viele Formen von Arbeit, die von den Gewerkschaften kaum als Arbeit anerkannt werden: Was ist mit Bildungsarbeit oder Beziehungsarbeit? Sind das nicht ganz neue Formen von Arbeit, die man wahrnehmen muss, weil die Identitätsbildung der Menschen vielfach mit Arbeit verknüpft wird, die nicht bezahlt wird. Die Erweiterung des Arbeitsbegriffs wäre daher ein Element der Neubesinnung auf eine veränderte gesellschaftliche Situation, die der betriebsbezogene enge Begriff von Arbeit so nicht mehr fassen kann.
Die zweite Erweiterung, die ich vorschlage, ist die des Interessenbegriffs und der Interessendimension. Man kann eben nicht mehr sagen, dass alles, was die Menschen bewegt, was sie wollen, woran sie denken und wovon sie träumen, in beruflichen und betrieblichen Zusammenhängen gebildet wird. Die außerbetriebliche Dimension der Selbstbildung und der politischen Aktivitäten der Menschen wird von immer größerer Bedeutung. Wo sind die Gewerkschaften in der Fläche vertreten, wo sind sie überhaupt sichtbar mit ihren Angeboten? Kaum noch, auch symbolisch nicht, vielleicht zum 1. Mai hin und wieder. Aber das reicht nicht. Deshalb plädiere ich für ein zweites Standbein außerbetrieblicher Art. Es gab Ansätze in der Geschichte der deutschen Gewerkschaften in der Nachkriegszeit durch die DGB-Ortskartelle, um Schnittstellen zu organisieren, sich auf Bürgerinitiativen einzulassen und mit diesen zu kämpfen. Viele Gewerkschafter sagen mir, das sei nicht fassbar und habe keine Form, fragen, wie sie das machen sollen, wo es schon so schwierig ist, die Arbeit in den Betrieben zu verankern. Doch je weniger man sich auch in außerbetrieblichen Zusammenhängen aktiv zeigt, umso schwieriger wird es auch sein, sich in den Betrieben zu verankern.

Die dritte Erweiterungsdimension bezieht sich auf die vielleicht bedrohlichste Entwicklung. Das kulturelle Milieu hat sich in unserer Gesellschaft so gewerkschaftsfeindlich entwickelt, dass ich vermute, dass selbst „einfache" harte tarifpolitische Kämpfe in Zukunft immer weniger durchzustehen sind, wenn das kulturelle Umfeld, die Symbole, die Sprache, die Argumentationskunst nicht entwickelt werden. Die Erweiterung des kulturellen Mandats stärkt deshalb auch die Durchsetzungsfähigkeit von tarifpolitischen Forderungen.

Das vielleicht Schwierigste ist die Erweiterung des politischen Mandats. Der Privatisierungswahn greift in dieser Gesellschaft um sich, das betriebswirtschaftliche Denken ist eine Pest, die in dieser Gesellschaft um sich greift. Die Gewerkschaften müssen dagegen eine andere Ökonomie, eine Ökonomie des ganzen Hauses entwickeln, eine Bilanz der Gesellschaft sichtbar machen, meinetwegen auch in Gesellschaftsutopien. Wenn das nicht gelingt, wird die Attraktivität der Gewerkschaften – auch und gerade für junge Menschen – nachlassen.
Es muss in den Gewerkschaften etwas passieren, das nicht nur mit politischer Bewusstseinsbildung zu tun hat, sondern auch mit dem Nachdenken über das, was diese Gesellschaft des Neoliberalismus mit den Menschen anrichtet und wie sie beschädigt werden. Und einem Nachdenken darüber, wo die Lücken des Neoliberalismus sind, die man aufgreifen muss, um so etwas wie einen gesellschaftsfähigen Menschen zu fördern – nicht nur in der Bildung, sondern auch im alltäglichen Handeln. Auf keinen Fall kann das Ziel von Bildung der allseitig verfügbare Mensch sein, der leistungsbewusste Mitläufer in der Gesellschaft. Und es ist eine große Gefahr für die Demokratie, wenn unser Bildungssystem einen solchen Menschentyp produziert, wenn in der Schule und der Universität die schnelle Anwendbarkeit von Informationen vermittelt wird und nicht mehr Bildung als eine Art Vorrat an Möglichkeiten des Menschen.

Oskar Negt

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