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Gemeinsam gegen Mobbing

In Augsburg haben Beschäftigte aus den unterschiedlichsten Bereichen vor zwei Jahren den gemeinnützigen Verein »Gemeinsam gegen Mobbing e.V.« gegründet. Gemeinsam ist allen Mitgliedern des Vereins, dass sie alle schon einmal Mobbing am Arbeitsplatz erlebt haben. Ute Schmitt sprach für die DDS mit unserem GEW-Kollegen Reinhard Dietrich, einem Gründungsmitglied des Vereins, über die Möglichkeiten, sich gegen Mobbing am Arbeitsplatz zu wehren. Reinhard Dietrich ist Diplom-Sozialpädagoge mit dem Schwerpunkt Erwachsenenbildung. Kontakt: www.gemeinsam-gegen-mobbing.de

 

31.12.2006

DDS: Reinhard, Du bist Gründungsmitglied und Zweiter Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins »Gemeinsam gegen Mobbing e.V.« in Augsburg. Seit wann gibt es diesen Verein und was hat Euch dazu bewogen, ihn zu gründen?

Reinhard Dietrich: Wir haben den Verein im Dezember 2004 ins Leben gerufen. Die Initiative entstand, weil wir fast alle immer wieder mit dem Phänomen Mobbing konfrontiert waren. Wir, das sind die Mitglieder unseres Vereins. Wir kommen aus den unterschiedlichsten beruflichen Fachrichtungen und sind ÄrztInnen, RechtsanwältInnen, PädagogInnen und PsychologInnen. In Augsburg fehlte zu dieser Zeit ein unabhängiges und überparteiliches Hilfsangebot für Betroffene und deren Angehörige. Deshalb entschlossen wir uns, auf ehrenamtlicher Basis unser Engagement in diesem Verein zu bündeln, und arbeiten seither sehr erfolgreich im Großraum Augsburg.

DDS: Wer kann sich an Euch wenden?

Reinhard Dietrich: Im Prinzip alle, die von dem Problem Mobbing betroffen sind, ob direkt, in der Familie oder im Freundeskreis. Dies ist sehr wichtig, da direkt Betroffene häufig nicht den Elan haben, sich zu melden, oder mit dem Problem überfordert sind. Wir versuchen dann, die Personen zu aktivieren. Mobbing gibt es quer durch alle Berufsbereiche. Unserer Erfahrung nach – aus der Arbeit im Großraum Augsburg – sind aber Beschäftigte in Betrieben mit sehr steilen Hierarchieebenen leicht überrepräsentiert. Männer und Frauen sind dabei im Großen und Ganzen gleich häufig betroffen. Wir richten unser Beratungsangebot auch an Schulen, halten Vorträge für Lehrkräfte und SchülerInnen und bieten Open-Space-Moderationen zum Thema Mobbing an Schulen an. Wir haben einen eigenen Mobbing-Fragebogen und einen Handlungsleitfaden für SchülerInnen entwickelt.

DDS: Wie könnt Ihr Betroffenen in akuten Mobbing-Fällen helfen?

Reinhard Dietrich: Wir unterhalten seit September 2006 eine Geschäftsstelle in Augsburg. Dort können sich Betroffene telefonisch melden und einen Beratungstermin vereinbaren. Die Geschäftsstelle wird von unseren Mitgliedern betreut. Wir bemühen uns hier, den Bedarf der Hilfesuchenden zu ermitteln und sie entsprechend zu beraten. In unserer Beratung versuchen wir zuerst herauszufinden, ob es sich im vorliegenden Fall tatsächlich um Mobbing handelt, also um zielgerichtete Handlungen, die dazu dienen, jemanden zu diskreditieren, und die über einen Zeitraum von sechs Monaten andauern. Danach ist die Frage zu klären, ob ein Rechtsbeistand notwendig ist, wenn beispielsweise ungerechtfertigte Abmahnungen oder Kündigungen vorliegen. Ferner ist es unerlässlich den aktuellen psychosozialen Zustand des oder der Betroffenen zu klären und ggf. eine/n geeigneten Therapeuten/ in zu vermitteln oder die unterstützenden Ressourcen des bzw. der Betroffenen zu aktivieren. Grundlage unserer Initiative ist außerdem eine Selbsthilfegruppe, an der Betroffene und deren Angehörige kostenlos teilnehmen können. Dieses Angebot wird sehr gut angenommen und wir haben damit vielen Betroffenen helfen können.

DDS: Wie unterstützt Ihr einen Betriebs- oder Personalrat, der in einem Mobbing-Fall am Arbeitsplatz eingreifen soll?

Reinhard Dietrich: Auch mit Betriebs- und Personalräten vereinbaren wir Beratungstermine mit dem Ziel, mit ihnen zusammen herauszuarbeiten, welche Komunikationsstrukturen im Betrieb bzw. in der Einrichtung genutzt werden können, um die jeweilige Problematik aufzulösen. Dies ist erfahrungsgemäß sehr individuell. Jede bzw. jeder ArbeitnehmervertreterIn muss einen kongruenten Lösungsstil entwickeln können und dabei die von Betrieb zu Betrieb unterschiedlichen Kommunikations- und Hierarchiestrukturen berücksichtigen. Darüber hinaus bieten wir Betriebs- und Personalräten Vortr äge und Seminare zu diesem Thema an. Die Betriebe, die wir beraten, werden entweder Mitglied unseres Vereins oder unterstützen unsere Arbeit durch eine Spende.

DDS: Was rätst Du KollegInnen, die sich gemobbt fühlen und erst einmal selbst versuchen möchten, diesen Konflikt am Arbeitsplatz zu lösen?

Reinhard Dietrich: Wer sich betroffen fühlt, muss sich darüber klar werden, ob es sich wirklich um Mobbing handelt. Mobbinghandlungen sind beispielsweise:

- Angriffe auf die Möglichkeiten, zu kommunizieren. Hierbei schränken Vorgesetzte oder KollegInnen systematisch die Möglichkeiten ein, sich zu äußern. Man wird ständig unterbrochen. Die Arbeit wird ständig kritisiert. Es kommt zu mündlichen und bzw. oder schriftlichen Drohungen. Andeutungen verhindern einen Kontakt oder eine Klärung der Vorwürfe.

- Angriffe auf soziale Beziehungen. Man spricht nicht mehr mit der oder dem Betroffenen. Man lässt sich nicht ansprechen. Die bzw. der Betroffene wird isoliert, indem beispielsweise der Arbeitsplatz in einen abgelegenen Raum verlegt wird.

- Angriffe auf die Qualität der Berufssituation. Man weist Betroffenen keine Arbeitsaufgaben mehr zu. Man nimmt ihnen jede Beschäftigung am Arbeitsplatz, so dass sie sich nicht einmal selbst Aufgaben ausdenken können. Man gibt ihnen sinnlose Aufgaben.

- Angriffe auf die Gesundheit. Hier reicht das Spektrum vom Zwang zu gesundheitsschädlichen Arbeiten über die Anwendung leichter Gewalt, zum Beispiel um jemandem einen »Denkzettel« zu verpassen bis hin zu sexuellen Handgreiflichkeiten.

- Angriffe auf das Ansehen. Hinter dem Rücken der Betroffenen wird schlecht über sie gesprochen. Man verbreitet Gerüchte. Man macht die betroffene Person lächerlich. Man erlaubt sich Schimpfworte oder entwürdigende Ausdrücke.

Wir verschicken auf Anfrage kostenlos einen Fragebogen, mit dem man schon sehr klar eingrenzen kann, ob man tatsächlich betroffen ist. Außerdem stellen wir gerne auch einen Leitfaden zur Verfügung, um eine Struktur in den oft unübersichtlichen Mobbing-Dschungel zu bekommen. Auch Gewerkschaften und Online-Rechtsberatungen bieten hier Hilfen an. Grundsätzlich empfehlen wir, eine 3-Punkte-Regel zu befolgen:

1. Dokumentieren: z. B. ein Mobbing-Tagebuch führen

2. Öffentlichkeit herstellen: Kolleginnen, Kollegen und gegebenenfalls Vorgesetzte kontaktieren

3. Hilfe suchen: sich Rechtsbeistand oder psychosoziale Unterstützung organisieren Nur so kann eine persönliche Isolierung als Folge von Überforderung vermieden werden.

DDS: Wie groß ist Deiner Erfahrung nach die Chance, dass ein Arbeitsverhältnis nach einem gelösten Mobbing-Fall einvernehmlich fortgesetzt werden kann? Worauf sollten Betroffene dabei achten?

Reinhard Dietrich: Dies ist individuell sehr unterschiedlich und von zu vielen Variablen abhängig, als dass man dies so beantworten könnte. Ich habe in meiner Arbeit mit Betroffenen die Extreme erlebt. Wir betreuten Betroffene, bei denen sich beispielsweise Vorgesetzte vorbildlich verhielten und zusammen mit dem Betriebsrat Lösungen fanden, mit denen die Beteiligten leben konnten. Wir mussten aber auch erleben, dass Betroffene im Stich gelassen wurden und die Auseinandersetzung vor dem Arbeitsgericht landete. Dies endet derzeit meist mit einem Vergleich und mit der Auflösung des Arbeitsverhältnisses. Viele Betroffene wollen danach das Erlebte erst einmal verarbeiten. Hierfür ist wiederum eine Selbsthilfe- oder Betroffenengruppe hilfreich. Wir können hier aus zwei Jahren Arbeit auch auf viele Ex-Betroffene zurückblicken, die wieder in Beschäftigung sind und die an der Auseinandersetzung und ihren Folgen gewachsen sind.

DDS: Reinhard, wir danken Dir für das Gespräch.

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