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Förderung von Migrantenkindern

Schreiben (23.11.2005) an das Kultusministerium

23.11.2005 - Helmut Oskar Brückner, Vorsitzender

Pressemitteilung des Kultusministeriums Nr. 235:

Förderung von Migrantenkindern

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ihre Pressemitteilung (v. 27.9.2005) als Reaktion auf die Medieninformation 14.2005 der GEW Bayern kann nicht unwidersprochen bleiben. Viele der - immer wiederkehrenden - Behauptungen zu Fördermaßnahmen für Migrantenkinder sind teilweise oder gar nicht zutreffend. Das Problem der Benachteiligung dieser Kinder wird vom Kultusministerium offensichtlich nicht in seinem tatsächlichem Ausmaß wahrgenommen.

Es gibt zwar „ein frühzeitiges Angebot zur Sprachförderung“, die Vorkurse in Kindergarten und Grundschule wurden tatsächlich „vervierfacht“ auf vier Stunden wöchentlich im Vorschuljahr. Bei Kindern mit geringen oder keinen deutschen Sprachkenntnissen, in deren Familien nicht deutsch gesprochen wird, wird Sprachförderung allerdings nur dann nachhaltig wirksam sein können, wenn sie durch die erforderliche personelle Ausstattung als durchgängiges Prinzip der frühkindlichen Bildung gesichert wird.

Dass die „flächendeckende Durchführung der Vorkurse dazu führen wird, dass sich der Bedarf an Lehrerstunden für Sprachförderung reduzieren wird“, wie Ihr Haus am 4. 10. 2005 auf eine mündliche Anfrage der SPD antwortete, ist wohl nur ein frommer Wunsch. In diesem Jahr besuchen 6.747 Kinder 724 Vorkurse. Allein in München gibt es 6.300 Kinder mit Migrationshintergrund, viele von ihnen haben Sprachdefizite. Von einer Flächendeckung sind die Fördermaßnahmen weit entfernt. Außerdem bräuchten auch noch mindestens 10 bis15 Prozent der deutschen Kinder eine Sprachförderung.

Eine Rückstellung von der Einschulung bei mangelhaften Sprachkenntnissen und die Verpflichtung zur Teilnahme an der Sprachförderung im Kindergarten ist der falsche Weg. Eine gezielte und wirksame Sprachförderung muss bereits im ersten Kindergartenjahr beginnen. Die anschließende Förderung von Kindern im Schulalter ist Aufgabe der Schule, der sie sich durch Rückstellungen nicht entziehen darf. Da die dafür vorgesehenen zusätzlichen Förderstunden nicht ausreichen, ist es absolut kontraproduktiv, die Lehrerstunden für die Vorkurse dem Budget für die schulische Förderung von Migrantenkindern zu entziehen. Warum soll intelligenten Kindern die Schulzeit unnötig um ein Jahr verlängert werden? Was soll mit Kindern passieren, die die Anforderungen nach dem Zusatzjahr wieder nicht erfüllen?

Außerdem müssen für eine wirksame Sprachförderung  in Kindergarten und Schule vermehrt Logopäden und in „Deutsch als Fremdsprache“ fortgebildete Lehrkräfte eingesetzt werden. Die Kindergärten bräuchten für diese anspruchsvolle Aufgabe zusätzliche finanzielle Ressourcen, wie auch für viele andere wichtige und zeitaufwendige Aufgaben nach dem neuen (und sehr begrüßenswerten) Bildungs- und Erziehungsplan.

Ich selbst habe in den letzten neun Jahren als Lehrer Deutsch als Zweitsprache vor allem für Aussiedlerschülerinnen und -schüler unterrichtet und mich sehr intensiv darum bemüht, effektive, flexible und für die jeweiligen Schülerbedarfe passgenaue Fördermodelle zu entwickeln. Ich kann Ihnen versichern, dass das Budget an zusätzlichen Förderstunden bei weitem nicht ausreicht. Die schulpflichtigen Jugendlichen, die im höheren Alter ohne Sprachkenntnisse nach Deutschland kommen und äußerst intensive Sprachförderung und ganztägige Beschulung oder Betreuung bräuchten, die weit über die paar zusätzlichen Stunden hinausgehen, werden völlig vergessen. Für die Quereinsteiger gibt es in aller Regel auch keine Sprachstandsdiagnosen.

Der tatsächliche Umfang und die Effizienz der Intensiv- und Förderkurse sind nicht dokumentiert und dem Ministerium wohl auch nicht bekannt. Die verbreitete Praxis besteht entweder in äußerer Differenzierung (Übergangs-, Eingliederungsklassen) oder in der Integration in deutsche Regelklassen ohne ausreichende Hilfestellungen. Die Schüler/innen deutscher und nichtdeutscher Muttersprache werden mit den gleichen Anforderungen bezüglich des passiven und aktiven deutschen Sprachgebrauchs konfrontiert. Diese Gleichbehandlung und Nicht-Berücksichtigung der geringeren sprachlichen Voraussetzungen führen zu schlechteren Bildungsergebnissen. Die Migrantenkinder bräuchten sehr frühzeitige, ausreichende und genügend lang andauernde Angebote, um ihre Deutschkenntnisse auf das erforderliche Niveau zu entwickeln. Einige zusätzliche Stunden Deutschförderung für wenige Jahre reichen für die meisten Kinder nicht aus.

In den Sprachlernklassen wiederum werden die Migrantenkinder nur in wenigen festgelegten Unterrichtsfächern mit den deutschen Kindern zusammengeführt. Für die Integration wäre es förderlicher, sie grundsätzlich in Regelklassen aufzunehmen und ihnen je nach individueller Sprachkenntnis in unterschiedlichem Umfang und in unterschiedlich langen Zeiträumen eine Deutsch-Intensivförderung zu erteilen.

Das Ministerium verweist immer wieder – wie auch in der erwähnten Pressemitteilung – auf „die hervorragenden Ergebnisse der Migrantenkinder bei PISA“, wohl in der Annahme, damit die gute Migrantenförderung Bayerns belegen zu können. Aber erstens stimmt schon die Aussage nicht. Der Vergleich der 11 westlichen Bundesländer bei PISA 2003 zeigt, dass Bayern bei der mathematischen Kompetenz der sog. „fremdsprachigen“ Migrantenkinder, die im Alltag häufiger eine andere als die deutsche Sprache verwenden, nur auf einem Mittelplatz liegen. Und: Bei den sog. „deutschsprachigen“ und den sog. „mehrsprachigen“ Migrantenkindern liegt Bayern zwar im Ländervergleich an der Spitze, aber gegenüber den deutschen Kindern besteht ein Kompetenzunterschied von fast 60 bzw. 80 Punkten, also ca. zwei Jahre Lernrückstand.

Obwohl Bayern beim Migrantenanteil der Bundesländer nur im Mittelfeld liegt - der Bevölkerungsanteil bei den 10- bis 15-Jährigen ist 8,3 % -, gelingt deren Förderung, gemessen am Schulerfolg, deutlich schlechter. Die Migrantenkinder und –jugendlichen sind in Bayern in allen Schularten weniger erfolgreich als deutsche Kinder. So besuchen die Migrationskinder Haupt- und Förderschulen fast doppelt so häufig wie deutsche Kinder, die Realschulen und Gymnasien aber nur halb so häufig. Der Anteil der Migrantenschüler/innen am Gymnasium beträgt nur 3,5 %, dies ist die zweitniedrigste Quote aller Bundesländer. Die Migrantenquote an der Realschule ist mit 3,8 % gar die niedrigste. Der Anteil an Förderschulen beträgt dagegen 13,4 %, an Hauptschulen 13,2 %. 2003 haben in Bayern 39 % der deutschen Schüler/innen das Gymnasium ohne Abitur verlassen, bei den ausländischen waren es 62 %. Die Realschulen verließen 17 % deutsche Schüler/innen ohne Mittlere Reife, aber 34,8 % ausländische. Die Hochschulreife erreichen nur acht Prozent der MigrantInnen. All diese Zahlen belegen deutlich, dass die bayerischen Fördermaßnahmen weder besonders vorbildhaft noch sehr effektiv sein können. Die ausländischen Schüler/innen scheitern an der punktuellen Auslese nach der Grundschule und an der kontinuierlichen Auslese in den Schulen der Sekundarstufe I. 

Neun bis zehn Prozent der deutschen, aber 22-23 % der ausländischen Schüler/innen verlassen die Hauptschule ohne Schulabschluss. Bei den männlichen ausländischen Jugendlichen sind es sogar rund ein Drittel. Die Folgen und Folgekosten durch diese große Anzahl Jugendlicher ohne Berufs- und Lebenschancen werden auf unsere Gesellschaft zukommen. Die derzeitigen Gewaltexzesse in Frankreich sind sicher in ihren Entstehungsbedingungen nicht auf Deutschland übertragbar, machen aber deutlich, welcher Sprengstoff in nicht erfolgter Integration von Migranten steckt.

Diese Defizite in der Sprachförderung werden noch dadurch verstärkt, dass es trotz 40-jähriger Migrationsgeschichte in Bayern bisher nur zögerlich gelungen ist, die Bildungseinrichtungen für Migrationskulturen und -religionen zu öffnen. Landeskunde der Migrationsländer mit ihren kulturellen und religiösen Aspekten wird an den Schulen zu wenig betrieben. Der Umgang mit kulturellen Differenzen, unterschiedlichen Wertmaßstäben und Verhaltensorientierungen kann von deutschen und ausländischen Schüler/innen nur unzureichend gelernt werden. Zur Konfliktprävention wäre ein intensiver und kontinuierlicher Dialog der Kulturen außerordentlich hilfreich. In unseren Schulen gibt es für die deutsche Kultur spezifische Kommunikations- und Lernformen sowie Verhaltenserwartungen, die der familiären Erziehung vieler ausländischer Schüler/innen nicht entsprechen. Dadurch entsteht für sie subjektiv ein Assimilierungsdruck und im Ergebnis ihre soziale und kulturelle Benachteiligung. Einseitige Anpassung ist keine Integration. Der Missstand einer strukturell und systematisch produzierten Benachteiligung der Migrantenkinder muss abgebaut und die interkulturelle Erziehung der deutschen und ausländischen Kinder muss verstärkt werden. Die Rahmenbedingungen – vor allem für Schulen mit hohen Anteilen von Migrantenkindern - müssen so verbessert werden, dass die Migrantenkinder nicht als Belastung, sondern als Bereicherung und Gewinn für das Schulleben und die Bildungsinhalte verstanden und behandelt werden können.

Sie überschreiben ihre Pressemitteilung „Bayern setzt bundesweit Maßstäbe in der Sprachförderung von Migrantenkindern“. Bei den Vergleichszahlen zur Bildungsbeteiligung der Migrantenschüler/innen im Ländervergleich schneidet Bayern aber sehr schlecht ab. Hier sollte sich Bayern wohl eher an manch anderen Bundesländern ein Beispiel nehmen.

Ich weiß, dass eine Pressemitteilung nicht der Ort für eine ausführliche, vertiefte Darstellung komplizierter Sachverhalte sein kann. Deshalb habe ich für meine Entgegnung auch die Briefform gewählt, auch in der Hoffnung, in dieser gesellschaftlich sehr wichtigen Frage mit ihrem Hause in einen Dialog zu kommen, mit dem Ziel, der dringend gebotenen nachhaltigen und systematischen Verbesserung der Deutschförderung für die Schüler/innen mit Migrationshintergrund in Bayern in großen Schritten näher zu kommen.

Ich sehe ihrer Antwort mit Spannung entgegen.

Mit freundlichen Grüßen 

gez. Helmut Brückner                               

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