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Das Bessere ist der Feind des Guten

Robert Günthner, DGB Bayern, Abt. Arbeitsmarktpolitik, Bildungspolitik und Qualifizierung

06.06.2007 - Robert Günthner

Der Monatsbericht der Regionaldirektion Bayern der Bundesagentur für Arbeit meldet im April 2007 folgende Zahlen:

  • gemeldete Ausbildungsstellen: 59.107
  • BewerberInnen: 83.117

Damit stehen für 100 BewerberInnen 71 gemeldete Ausbildungsstellen zur Verfügung.

Regionale Spitzen: In Weiden gibt es 42 Stellen für 100 BewerberInnen; in Hof gibt es 40 Stellen für 100 BewerberInnen; in Weißenburg gibt es 31 Stellen für 100 BewerberInnen.

Nur in zwei von 27 Arbeitsamtsbezirken gibt es mehr gemeldete Stellen als BewerberInnen: in München 151 und in Kempten 107 Stellen für 100 BewerberInnen.

Entwicklung betrieblicher Ausbildungsstellen

Im Ausbildungsjahr 2005/2006 wurden nach den Zahlen des Bundesinstituts für Berufsbildung in Bayern 93.005 Ausbildungsverträge abgeschlossen. Wenngleich dies eine Zunahme gegenüber dem Vorjahr von 3,1 Prozentpunkten ist, ist es gleichwohl kein Anlass zum Jubeln: Mit den 93.000 abgeschlossenen Ausbildungsverträgen wurde erst der Stand des Ausbildungsjahres 2004 erreicht. Gegenüber der Höchstzahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge im Jahr 2001 mit 101.000 gibt es also einen Rückgang von 8.000 Ausbildungsplätzen binnen 6 Jahren. Deutlich sind die Rückgänge insbesondere im Handwerk und bei den Freien Berufen.

Auch wenn sich die Rückgänge im öffentlichen Dienst – bei einer ohnehin geringen Gesamtzahl – prozentual nicht so stark auswirken, bleibt dennoch die Frage, ob der öffentliche Dienst nicht gerade bei der Ausbildung und damit der Qualifikation von Jugendlichen eine Vorreiterfunktion erfüllen sollte. Dies ist aber nicht zu erkennen.

AltbewerberInnen

Ein Indiz für die immer schwierigere Ausbildungssituation ist die Zahl der AltbewerberInnen. Damit sind Bewerberinnen und Bewerber gemeint, die aus früheren Schulentlassjahren weiterhin eine Ausbildungsstelle suchen.

Von den 109.017 BewerberInnen um eine betriebliche Ausbildungsstelle in Bayern waren 57.436 Jugendliche, die aus dem Schulentlassjahr 2006 kamen. Das sind 52,7 % aller BewerberInnen. Damit ist der Anteil derjenigen, die aus dem aktuellen Jahr eine Ausbildungsstelle suchen, von 56,8 % im September 2003 auf 52,7 % im September 2006 zurückgegangen. Die Zahl der AltbewerberInnen nimmt permanent zu.

Noch ein Blick auf die BewerberInnen im Ausbildungsjahr 2006: 22.584 Jugendliche sind aus dem Schulentlassjahr 2005 (20,7 %), 10.090 aus dem Schulentlassjahr 2004 (9,3 %). Über 5.000 sind sogar aus früheren Schulentlassjahren weiterhin auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz.

Verbleib der BewerberInnen

Nicht alle der 109.017 bei allen Arbeitsagenturbezirken in Bayern gemeldeten BewerberInnen um eine betriebliche Ausbildung haben im Jahr 2005/2006 auch tatsächlich eine Ausbildung aufnehmen können. Die Statistik der Bundesagentur weist aus, dass von allen BewerberInnen 60.008 in eine betriebliche Ausbildung einmündeten. 7.433 Jugendliche haben sich im Lauf der Bewerbung für allgemeinbildende Schulen entschieden, 2.435 für die Berufsfachschulen, 8.528 wurden in Berufsvorbereitende Maßnahmen verwiesen, 2.906 nahmen eine Arbeit an bzw. kamen in die Arbeitsvermittlung, 5.996 verblieben im alten Ausbildungsverhältnis und wollten von dort aus eine neue Ausbildungsstelle suchen, 5.180 Jugendliche waren nach der Beratung unbekannt verblieben und 5.259 waren am 30. September 2006 noch nicht vermittelt. Auch wenn völlig klar ist, dass sich Jugendliche auch im Lauf der Bewerbung um eine betriebliche Ausbildungsstelle umorientieren können, muss man davon ausgehen, dass es sich dabei keineswegs immer nur um freiwillige Entscheidungen handelt.

Unvermittelte BewerberInnen

Betrachtet man die Zahl der unvermittelten BewerberInnen zum 30. September 2006 (5.259), so zeigen sich im Geschlechterverhältnis zwischen den gemeldeten und den nicht vermittelten BewerberInnen kaum Unterschiede: 52,9 % waren männlich. Der Anteil der Männer bei den unvermittelten BewerberInnen lag bei 53,5 %. Umgekehrt gilt bei den Frauen: Sie stellten 47,1 % der BewerberInnen, ihr Anteil an den nicht vermittelten liegt bei 46,5 %.

Wie schwierig die Situation für Jugendliche mit Migrationshintergrund ist, zeigt sich daran, dass überproportional viele unvermittelte BewerberInnen »nicht deutsch« sind. Von allen gemeldeten BewerberInnen waren 9,7 % nicht deutsch. Dieser Anteil stieg bei den nicht vermittelten BewerberInnen auf 13,8 %.

Unvermittelte BewerberInnen nach Schulabschluss

In der herrschenden Meinung entsteht der Eindruck, die über 5.000 in Bayern im September 2006 unvermittelt gebliebenen BewerberInnen seien die am schlechtesten Qualifizierten. Ein Blick auf deren Schulabschluss zeigt, dass die Frage, ob man einen Ausbildungsplatz bekommt oder nicht, zwar auch eine der Qualifikation ist, aber der Umkehrschluss falsch ist, dass nur die schlechtesten unversorgt seien. Von allen unvermittelten BewerberInnen hatten 9,4 % keinen Schulabschluss und 58 % einen Hauptschulabschluss. 26,4 % hatten einen Realschulabschluss, 3,1 % sogar Fachhochschulreife und 2,8 % die Hochschulreife. Damit zeigt sich zweierlei: Der Verdrängungsmechanismus aufgrund zu weniger Ausbildungsstellen führt dazu, dass HauptschülerInnen auf der Strecke bleiben.

»Freiwillig länger« in der Schule

Ein weiteres wesentliches Indiz für die immer schwierigeren Übergänge zwischen Schule und Beruf liefert ein Blick auf die quantitativ relativ hohe Zahl der SchülerInnen, die als »freiwillige Wiederholer« der 9. Jahrgangsstufe an den Hauptschulen versuchen, eine bessere Startposition zu erreichen: In den Jahren 2005 auf 2006 ist deren Zahl um 73 % auf 4.600 angestiegen.

In der Berufsschule, aber ohne Ausbildungsvertrag

Nach vorläufigen Daten zeigte sich im Herbst letzten Jahres, dass ca. 21.500 Jugendliche in den bayerischen Berufsschulen sind, die keinen Ausbildungsvertrag haben. Auch wenn diese Zahl gegenüber dem Vorjahr um 5,4 % zurückgegangen ist, ist diese Anzahl erschreckend genug. Denn seit dem Schuljahr 2002/2003 gibt es immerhin über 3.000 SchülerInnen mehr, die in den Berufsschulen in den sogenannten JOA-Klassen sitzen und damit ohne Ausbildungsvertrag eine schwierige Perspektive für die Zukunft haben und im besten Fall als AltbewerberInnen wieder auf den Ausbildungsmarkt kommen.

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