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Außen vor statt mittendrin - DDS Dezember 2006

Gewaltprävention in der Klasse – ein Praxisbeispiel zum Thema Mobbing

von Dr. Ottmar Hanke Dipl. Päd. Univ. Leiter der Fachstelle "Gewaltprävention an Schulen" bei der Stadt Regensburg

31.12.2006 - Dr. Ottmar Hanke

Die Prävention von Gewalt in der Schule hat viele Gesichter: Die Spannbreite reicht von der LehrerInnen-SchülerInnen-Konferenz zur Konfliktlösung über das Konstanzer-Trainings-Programm (KTM) der gegenseitigen Unterstützung in LehrerInnenteams bis zum Umbau des Schulhofes nach gewaltpräventiven Richtlinien. Alle Programme wollen auf ganz unterschiedlichen Wegen das Auftreten von körperlicher, psychischer und verbaler Gewalt sowie Vandalismus verhindern (primäre Gewaltprävention) bzw. vor seinen Folgen schützen (sekundäre Gewaltprävention). Die meisten Präventionsprogramme zielen jedoch speziell auf Klassen oder SchülerInnengruppen, wie z. B. das Konfliktlotsen-Programm oder das Sozialtraining für die Schulklasse, denn: Das Zentrum der pädagogischen Arbeit mit SchülernInnen bildet die Klasse. Da sowohl gruppendynamische Effekte als auch die Erfahrungen einzelner SchülerInnen genutzt werden können, ist die Klasse ein hervorragendes Forum für die Bearbeitung des Themas Gewalt. Am besten eignen sich hierzu Projekte, z. B. in Form von aneinander gereihten Doppelstunden oder eines Seminartages.

Zentrale Themen

Welche Themen können in gewaltpräventiven Projekten in der Klasse behandelt werden? Die Erfahrung zeigt, dass sowohl für SchülerInnen als auch für Lehrkräfte die Arbeit an einer guten Klassengemeinschaft im Vordergrund steht. Um eine wirkliche Verbesserung des Klassenzusammenhaltes zu erreichen, müssen Konflikte und Streitigkeiten angesprochen und nach Möglichkeit gelöst, Verabredungen über das weitere Miteinander in der Klasse getroffen und ihre Einhaltung kontinuierlich überprüft werden. Ein weiteres zentrales Thema in der gewaltpräventiven Arbeit mit Klassen ist die Stärkung prosozialer Kompetenzen wie z. B. die Kommunikationsfähigkeit oder das konstruktive Verhalten im Konfliktfall. Gearbeitet wird dabei u.a. an Einzelthemen wie dem Üben gelingender Kommunikation, dem Schlichten von Konflikten bei SchulkameradInnen oder dem Eingreifen bei beobachteten Gewaltfällen. Neben diesen beiden großen Hauptthemen werden weitere Einzelthemen aufgrund ihrer hohen Alltagsrelevanz oft und gerne behandelt: Wie kann mit Beschimpfungen oder Beleidigungen umgegangen werden, wie lässt sich explizit das Verhältnis zwischen Jungen und Mädchen verbessern und wie lassen sich AußenseiterInnen in die Klasse integrieren? Zwar wird das Thema AußenseiterIn häufig im Rahmen von Mobbing behandelt, zur Arbeit in der Klasse liegen jedoch nicht viele Materialien vor. Deshalb, und auch um zu zeigen, wie man mit einem aktuellen Mobbingfall in der Klasse umgehen kann, wird im Folgenden eine Doppelstunde zum Thema AußenseiterIn mit dem Titel Außen vor statt mittendrin vorgestellt, an der gleichzeitig die notwendigen Bestandteile gewaltpräventiver Projektarbeit deutlich werden.

Bestandteile eines gewaltpräventiven Projekts

Ein Unterrichtsprojekt zur Gewaltprävention gleicht anderen Unterrichtsprojekten in einigen Bestandteilen: Einleitung, Hinführung, Thematisierung und Abschluss, also der inhaltliche Spannungsbogen, bleiben erhalten. Auch die Mitarbeit und die Gestaltungsmöglichkeiten der SchülerInnen bestehen weiterhin. Zu diesen bewährten Elementen kommen einige weitere, aus dem Thema resultierende Bestandteile hinzu: Eine Aufwärmübung, ein sog. Warming Up, ermöglicht den Schülerinnen und Schülern ein körperliches und geistiges Wachwerden und eine Zentrierung ihrer Aufmerksamkeit. Je nach Inhalt und Form können zudem Akzente gesetzt werden: In der folgenden Projektskizze z. B. wird mit dem Anti-Gewalt-Kreis das Thema AußenseiterIn inhaltlich schon symbolisiert und spielerisch aufgegriffen.

In gewaltpräventiven Projekten sollte das gewählte Thema immer mit einem persönlichen Bezug behandelt werden. Es sollte also nicht nur kognitiv und allgemein, sondern eher emotional und auf das Individuum bezogen gearbeitet werden. Die SchülerInnen sollten persönlich angesprochen werden, die Chance zur Reflexion eigener Standpunkte haben und sich darüber mit anderen austauschen. In der Projektskizze z. B. erfahren die SchülerInnen mit der Übung Insider-Outsider am eigenen Leib, wie es sich anfühlt, AußenseiterIn zu sein. Werden in Projekten beispielsweise Gewaltpräventionsstrategien erarbeitet und ausprobiert, sind sie den beteiligten Schülerinnen und Schülern meist gut verständlich und leicht nachvollziehbar. Ungleich schwieriger ist es jedoch, diese Strategien auch in den (Schul-)Alltag der SchülerInnen zu transferieren und sie in ihr Verhaltensrepertoire auch außerhalb des Projektes zu integrieren. Die Lehrkraft sollte deshalb für einen Transfer von Verhaltensänderungen vom Projekt in den (Schul-)Alltag sorgen. In der Projektskizze wird dieser Transfer mit der Bearbeitung des Arbeitsblattes Auf dem Weg zum Außenseiter? und der dazugehörigen Auswertung gewährleistet. Die Arbeit am Thema Gewalt, zumal an aktuellen Gewaltfällen, verursacht häufig negative Affekte (schlechte Gefühle oder Verstimmungen). Die Gefahr besteht, dass diese so normalen negativen Affekte nachträglich auf die gemeinsame Arbeit übertragen werden. Deshalb sollte eine Projektsitzung zur Gewaltprävention mit einer Übung zum Ausklang, einem sog. Cool down beendet werden. Auch hier kann durch Wahl der Form und des Inhalts ein Akzent gesetzt werden. In der Projektskizze z. B. wird mit dem Spiel Menschmaschine nach dem Aspekt Vereinzelung beim Außenseiter/bei der Außenseiterin bewusst der kooperative, der die Gruppe betonende Aspekt gewählt.

Außen vor statt mittendrin

Eine Projektskizze zum Thema Außenseiter (Dauer: 90 Min.)

Thematisches Warming Up »Anti-Gewalt-Kreis« (10 Min.)

Ablauf: Drei Freiwillige gehen vor die Tür, alle anderen bilden einen Kreis. Dieser hat die Aufgabe, die Freiwilligen nur dann in den Kreis zu lassen, wenn sie darum bitten. Mit Gewalt oder anderen unlauteren Mitteln darf der/die TeilnehmerIn nicht zum Ziel kommen. Mit »Darf ich bitte in den Kreis?« ist die Übung beendet.

Einleitung der Lehrkraft zum Thema »Einzelgänger und Außenseiter« (5 Min.)

EigenbrötlerIn, IndividualistIn, Kauz, Original, AußenseiterIn, EinzelgängerIn . es gibt viele Bezeichnungen für Menschen, die am Rande oder außerhalb von Gruppen stehen. Wichtig ist, ob diese Rolle freiwillig oder gezwungenermaßen eingenommen wird und ob die betreffende Person unter dieser Rolle leidet oder nicht. Da es durchaus selbst gewählte Rollen gibt, gilt es zwischen den Begriffen Einzelgänger (eine selbst gewählte Rolle, in der man sich wohl fühlt) und Außenseiter (in eine Rolle gedrängt, in der man sich unwohl fühlt) zu unterscheiden. AußenseiterInnen haben deshalb auch nicht die Freiheit, diese Rolle willkürlich abzulegen. Andere Begriffe lassen sich in ein gedachtes Kontinuum einordnen (s. Schaubild).

Übung »Insider-Outsider« (35 Min.)

Ablauf: Drei Freiwillige gehen vor die Tür und bekommen mitgeteilt, dass sie nichts Schlimmes zu befürchten haben. Sie sollen sich so verhalten, wie es ihnen gerade einfällt und auf die Gefühle achten, die in ihnen hochkommen. Die restliche Klasse wird instruiert, dass sie den SchülerInnen jeweils mit verschiedenen Reaktionsweisen/Gefühlen begegnen soll: Wut/Ärger, Auslachen und Ignoranz. Die drei Reaktionsweisen werden kurz besprochen, angespielt und eingeübt. Die drei SchülerInnen werden einzeln hereingerufen und die Gruppe verhält sich ihnen gegenüber entsprechend.

Auswertung: Mit den Fragen an die drei Freiwilligen »Wie fühlst du dich mit der dir vorgespielten Reaktion?« und an alle »Welche der drei Reaktionen ist die schlimmste?« und »Was können die drei und die Gruppe zur Aufnahme in die Gruppe tun?« wird die Auswertung strukturiert.

Schaubild zur Unterscheidung zwischen Einzelgänger und Außenseiter

Übung »Auf dem Weg zum Außenseiter?« (30 Min.)

Idee: Zum/zur AußenseiterIn wird man über Zwischenstufen. Zum einen spielen Gruppenmechanismen eine Rolle: Die Gruppe benötigt z.B. einen Sündenbock. Zum anderen kann individuelles Verhalten einen Beitrag leisten, wie aggressives, lautes oder Rückzugsverhalten. Diese Übung stellt dieses Individualverhalten und mögliche Gegenmaßnahmen beim Individuum bzw. der Klasse in den Mittelpunkt. Ablauf: Die SchülerInnen füllen einzeln das Arbeitsblatt Auf dem Weg zum Außenseiter? aus.

Auswertung: Die Fälle, ihre möglichen Ursachen (mittlere Spalte) und mögliche Maßnahmen (rechte Spalte) werden besprochen und ausgiebig diskutiert. Die SchülerInnen werden dabei aufgefordert nachzudenken, ob sie selbst auch einen ähnlichen Fall kennen.

Cool down »Menschmaschine« (10 Min.)

Ablauf: Die Lehrkraft sucht sich zwei Freiwillige, alle drei zusammen sind nun die IngenieurInnen. Ein/e weitere/r Freiwillige/r legt sich rücklings auf den Boden und ist der Motor der Maschine. An diesen Motor bauen die IngenieurInnen die SchülerInnen als Maschinenteile an, wobei jedes Teil eine Bewegung und ein Maschinengeräusch macht. Sind alle Teile an den Motor gebaut, läuft die Maschine - nach einem kurzen Probelauf - auf Hochtouren.

Fotos (3): Ottmar Hanke

 

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