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StellungnahmeÄnderung der Schulordnung für die Gymnasien (GSO)

Wir bedanken uns für die Gelegenheit zur Stellungnahme zur geplanten Änderung der GSO. Wir nehmen wie folgt Stellung.

28.05.2021

Grundsätzlich weisen wir diese Änderung der GSO zurück. Sie erscheint insgesamt als eine Ansammlung von einzelnen Regelungen, die aus unterschiedlichen Zugeständnissen an verschiedene Gruppierungen entspringt. Eine Oberstufe aus einem Guss, mit schlüssigem Gesamtkonzept ist so nicht zu erkennen. Offensichtlich geht es nur darum, späteren Beschwerden mit eingebauten Details zuvorzukommen. Das entspricht der fehlenden Entscheidungsbereitschaft der Bildungspolitik der letzten Jahre. Ein wirkungsvolles Bildungskonzept ergibt sich aber eben nicht, wenn man die Detailwünsche von möglichst vielen Interessensverbänden erfüllt und sich damit im Grunde zu einer Planlosigkeit bekennt, die der Bildungspolitik kaum die ihr zukommende Bedeutung beimisst.

Deutsch, Mathematik und ein weiteres Fach auf erhöhtem Anforderungsniveau

Nach dem Entwurf der Änderungsverordnung sollen die Schüler*innen künftig in drei Kursen auf erhöhtem Anforderungsniveau unterrichtet werden: Neben Mathematik und Deutsch in einem weiteren, frei wählbaren, Fach. Dadurch würden, so die Begründung, "Möglichkeiten zur individuellen Schwerpunktsetzung geschaffen" (S. 27). Das Gegenteil ist der Fall, aus zwei Gründen:

  • Da nur eines der drei Fächer frei wählbar ist, ist die individuelle Schwerpunktsetzung stark eingeschränkt. Die Regelungen auf KMK-Ebene lassen eine wesentlich freiere Wahl zu und auch Bayern war hier mit dem Kurssystem im alten G9 schon einmal weiter. In Wirklichkeit kann von einer freien Auswahl nicht die Rede sein, da nur wenige Kurse zustandekommen können. Unter den Fächern entsteht eine große Konkurrenz und weniger nachgefragte werden kaum oder nie als Leistungsfach angeboten werden können.
  • Warum sollen in Bayern drei statt zwei Fächer auf erhöhtem Niveau belegt werden? Bayern erhöht somit den Leistungsdruck auf die eigenen Schüler*innen. Hinzu kommt auch hier, dass mit Deutsch und Mathematik zwei der drei Fächer verpflichtend zu belegen sind - unabhängig von individuellen Neigungen, Begabungen und bisherigen Leistungen. Der Zwang zur Belegung von Deutsch und Mathematik auf erhöhtem Niveau wird bei Schüler*innen, die diese Fächer nicht freiwillig wählen würden, den Leistungsdruck erhöhen und somit die Kapazitäten zur Beschäftigung mit dem frei gewählten Leistungsfach zusätzlich einschränken.


Doch warum sollen Mathematik und Deutsch verpflichtend auf erhöhtem Anforderungsniveau belegt werden? Der Entwurf begründet dies mit "ihrer hohen Bedeutung für die gymnasialen Bildungsziele und die allgemeine Studierfähigkeit" (S. 29). Dabei fällt jedoch auf, dass manche Fächer in nur vier Wochenstunden auf erhöhtem Niveau unterrichtet werden sollen - darunter auch Deutsch und Mathematik - andere in fünf Stunden. Dies lehnen wir aus den folgenden Gründen ab:

  • Es liegt auf der Hand, dass in den vierstündigen Fächern die angestrebte Vertiefung nicht in dem Maße gelingen kann wie in fünfstündigen - stehen den Schüler*innen doch 20 % weniger Lernzeit, den Lehrkräften 20 % weniger Zeit für Unterrichtsvor- und -nachbereitung sowie für Korrekturen zur Verfügung. Mathematik soll vierstündig, Physik aber fünfstündig auf erhöhtem Anforderungsniveau unterrichtet werden; Deutsch vierstündig, Englisch aber fünfstündig; Geographie vierstündig, Biologie aber fünfstündig und so weiter - die Fächer werden ungleich behandelt, ohne dass dies irgendwie nachvollziehbar wäre. Da nur ein Leistungsfach gewählt wird, ist die individuelle Schwerpunktsetzung bereits stark eingeschränkt. Wird das gewählte Leistungsfach dann nur vierstündig unterrichtet, wird es weiter abgewertet.
  • Besonders verwerflich erscheint, dass gerade für Deutsch und Mathematik nur vier Wochenstunden vorgesehen sein sollen, obwohl in diesen Fächern alle Schüler*innen unabhängig von intrinsischer Motivation und bisherigen Leistungen einem erhöhten Anforderungsniveau sowohl in vier Halbjahresleistungen als auch in verpflichtenden Abiturprüfungen gerecht werden sollen - oder ist etwa die Rede vom "erhöhten Anforderungsniveau" in diesen beiden Fächern nicht ganz ernst zu nehmen? "Um dennoch auch in Deutsch und Mathematik Vertiefungsmöglichkeiten zu schaffen, werden sog. Vertiefungskurse eingeführt" (S. 29). An dieser Formulierung wird offenbar, dass schon den Verfasser*innen des Änderungsentwurfs selbst die Widersprüchlichkeit des Konzepts klar geworden ist: Einerseits wird postuliert, man könne in vier Wochenstunden ein erhöhtes Anforderungsniveau für alle schaffen, andererseits geht man bereits davon aus, dass in diesem Unterricht keine Vertiefungsmöglichkeiten bestehen. Letzteres ist richtig: Wenn es nur ein Anforderungsniveau für alle gibt, ist es eben nicht erhöht, auch wenn man es so nennt.
  • Ein Anforderungsniveau für alle bedeutet, dass der Unterricht weder besonders leistungsschwachen, noch besonders leistungsstarken Schüler*innen gerecht werden kann. In Mathematik und Deutsch fehlt somit auch im neuen G9 ein Angebot zur Profilbildung für leistungsstarke Schüler*innen und zur vertieften Vorbereitung auf ein Studium dieser Fächer. Die in Aussicht gestellten Vertiefungskurse können den Missstand nicht beheben: Zum einen fehlen im Änderungsentwurf Angaben darüber, ob in den Vertiefungskursen leistungsstarke oder leistungsschwache Schüler*innen gefördert werden oder ob Kurse für beide Gruppen eingerichtet werden sollen. Bei der letztgenannten Variante entstünde den Schulen ein immenser zusätzlicher organisatorischer Aufwand. Auch wenn leistungsstarke Schüler*innen zusätzlich zu ihrem vierstündigen Kurs einen zweistündigen Vertiefungskurs wählen könnten, wäre dieses Konzept nicht vergleichbar mit einem frei gewählten 5-stündigen Leistungsfach in einer homogeneren Lerngruppe bei einer Lehrkraft. 
  • Hinzu kommt, dass im Vertiefungskurs ebenfalls Halbjahresleistungen erbracht werden sollen, von denen mindestens eine ins Abitur eingebracht werden muss (vgl. S. 25 - Anlage 10/Fußnote 5): Die beiden zusätzlichen Wochenstunden dienen somit nicht ausschließlich zur Vertiefung, sondern auch zusätzlichen zeitraubenden Leistungserhebungen. (Eine Ausnahme soll für Schüler*innen bestehen, die den Vertiefungskurs als Fach des Zusatzangebots wählen. Diese müssen aber insgesamt mehr Stunden belegen und besuchen den Kurs dennoch zusammen mit Schüler*innen, für die Leistungserhebungen stattfinden müssen.)

Verpflichtende Abiturprüfungen in Mathematik und Deutsch

Mathematik und Deutsch sollen laut dem vorgelegten Änderungsentwurf nicht nur verpflichtend auf erhöhtem Anforderungsniveau unterrichtet, sondern auch verpflichtend im Abitur geprüft werden - obwohl sich die Abiturnote zu zwei Dritteln bereits aus den Halbjahresleistungen errechnet und in Deutsch und Mathematik alle vier Halbjahresleistungen einzubringen sein sollen. Die beiden Fächer auch noch als Abiturprüfungsfächer festzulegen, ist unnötig und schränkt die Wahlmöglichkeiten der Schülerinnen nur noch weiter ein.

Daran ändern auch die Ausnahmen nichts, die gewährt werden sollen, "um die bayerischen Abiturientinnen und Abiturienten im Ländervergleich nicht zu benachteiligen" (S. 33): Die Abiturprüfung in Mathematik oder Deutsch  kann vermieden werden, vorausgesetzt, man hat ein passendes Leistungsfach gewählt (vgl. Änderungsentwurf zu § 48). Ist das Leistungsfach eine Fremdsprache, kann statt Deutsch eine weitere Fremdsprache als Prüfungsfach gewählt werden. Ist das Leistungsfach Informatik oder eine Naturwissenschaft, kann statt Mathematik eine weitere Naturwissenschaft bzw. Informatik als Prüfungsfach gewählt werden. Bei anderen Leistungsfächern wie beispielsweise Sport, Geographie, Geschichte oder Kunst ist jedoch kein Ersatz möglich. 

Der vorgelegte Änderungsentwurf konterkariert damit seinen eigenen Anspruch, die "zunehmende Digitalisierung aller Lebensbereiche, die gestiegene Bedeutung der Naturwissenschaften und fremdsprachlicher Kenntnisse in Studium und Berufsleben, die hohe Meinungspluralität in der Medienlandschaft und die wachsende Bedeutung politischer Bildung" (S. 27) widerzuspiegeln. Vor diesem Anspruch, den wir sehr begrüßen, erschiene beispielsweise die folgende Kombination aus Abiturfächern äußerst wünschenswert: Leistungsfach Politik und Gesellschaft, Informatik (statt Mathematik), Englisch (statt Deutsch), Geographie, Kunst. Eine solche Kombination wird jedoch verhindert statt ermöglicht. 

Auch der "hohen Bedeutung [der beiden Fächer Deutsch und Mathematik] für die gymnasialen Bildungsziele und die allgemeine Studierfähigkeit" wird das vorgelegte Konzept nicht gerecht, im Gegenteil. Der Bedeutung der Fächer könnte aber Rechnung getragen werden, indem Deutsch und Mathematik verpflichtend über vier Halbjahre auf grundlegendem Niveau zu belegen wären (ohne verpflichtende Abiturprüfung), während für Interessierte die Möglichkeit bestünde, diese Fächer als Leistungsfächer zu wählen

Wir fordern eine Fächerwahl, bei der die Kollegiat*innen zwei frei wählbare fünfstündige Fächer auf erhöhtem Anforderungsniveau und weitere Fächer auf grundlegendem Niveau (momentan noch eingeschränkt durch die Regelungen der KMK) für sich festlegen. Die freie Wahl aus gleichwertigen Leistungsfächern würde den Schüler*innen eine echte individuelle Schwerpunktsetzung ermöglichen - der Änderungsentwurf verhindert sie. Dabei geht es nicht nur um eine Profilbildung im Sinne auf dem Arbeitsmarkt verwertbarer "unique selling points", sondern es geht in allererster Linie darum, dass die jungen Erwachsenen die Chance erhalten, in einem deutlicher selbstgesteuerten Bildungsprozess ihre Persönlichkeit auszubilden, ihre Stärken zu stärken und echte Hochschulreife zu erlangen.
 

Politische Bildung: Umbenennung der Sozialkunde

Die Umbenennung der Sozialkunde in das Fach „Politik und Gesellschaft“ ist eine bloße Neuetikettierung. Wir begrüßen die Rückkehr zur Sozialkunde als eigenständiges Fach. Eine Stärkung des Fachs ist aber kaum zu sehen, wenn die verpflichtende Belegung in der Oberstufe der Stundenzahl des G8 entspricht. Lediglich gibt es nun eine mögliche Vertiefung durch Weiterbelegung in 13 und als Leistungsfach (in Konkurrenz mit den anderen Fächern nach Budget der jeweiligen Schule). Es wird sich zeigen, ob es das Leistungsfach Politik und Gesellschaft oft geben wird, wenn Genaueres zur praktischen Umsetzung der Zahl der Leistungsfächer an einer Schule festgelegt wird. Bei einer durchschnittlichen Schülerzahl von 20 pro Leistungsfach ergeben sich in einem Jahrgang mit 100 Schüler*innen insgesamt ja nur ca. fünf Leistungsfächer zur Auswahl.